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Grass und Reich-Ranicki : Als der Kritiker den Dichter einmal unendlich langweilte

Die Schriftsteller Jürgen Albert, Regula Venske und der ehemalige Vorsitzende des deutschen Schriftstellerverbandes, Uwe Friesel, protestieren 1995 vor dem „Spiegel“-Verlagsgebäude gegen die Berichterstattung des Magazins über den neuen Roman von Günter Grass 'Ein weites Feld'.
Die Schriftsteller Jürgen Albert, Regula Venske und der ehemalige Vorsitzende des deutschen Schriftstellerverbandes, Uwe Friesel, protestieren 1995 vor dem „Spiegel“-Verlagsgebäude gegen die Berichterstattung des Magazins über den neuen Roman von Günter Grass 'Ein weites Feld'. : Bild: Picture-Alliance

Dies ist genauso verwunderlich wie die Leerstelle Morsbach. Denn Volker Weidermann, Jahrgang 1969, ist von Haus aus Kritiker, also berufsbedingt despektierlich. Nach Jahren bei der Berliner „taz“ arbeitete er von 2001 bis 2015 als Literaturredakteur und bald auch Ko-Feuilletonchef in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist seither Autor und Kulturreporter des „Spiegels“ und moderiert seit vier Jahren die Neuauflage von Reich-Ranickis „Literarischem Quartett“ im ZDF. Seine jüngsten Bücher – die romanhafte Studie „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ (2014) über Stefan Zweig und Joseph Roth im Exil und der Essay „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“ (2017) über die Münchner Räterepublik von 1919 – verdanken ihre kompositorische Prägnanz und damit auch ihren Erfolg nicht zuletzt der spannungsfördernden Einheit von Ort, Zeit und Handlung, also der prosaischen Anwendung aristotelischer Dramentheorie.

Loben und paraphrasieren

Auf „Das Duell“ war dieses Prinzip angesichts des langen Lebens der Protagonisten und der Fülle der Handlungsorte von Danzig bis Kalkutta und vom schwedischen Sigtuna bis London naturgemäß nicht zu übertragen. Zum Unglück des Buchs verfielen Weidermann und das Lektorat seines Verlags auf die Doppelbiografie. Was nach einem kurzen Prolog mit Marcel Reichs Geburt am 2. Juni 1920 im polnischen Włocławek beginnt, endet nach knapp dreihundert Seiten vor dem kurzen Epilog mit dem Tod von Günter Grass im Frühjahr 2015 in Lübeck.

Diese Dramaturgie wird zur Falle, denn sie verdammt Weidermann dazu, mit eigenen Worten, im Stakkatostil und einer Art Digest-Fassung nachzuerzählen, was Grass vor allem, aber keineswegs nur im autobiographischen Spätwerk „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) und der fabelhafte, jüngst verstorbene Biograph Michael Jürgs („Bürger Grass“, aktualisierte Neuauflage 2015) längst so ausführlich wie unnachahmlich geschildert haben – und was Reich-Ranicki in „Mein Leben“ so glanzvoll und seine Biographen Thomas Anz (2004) und Uwe Wittstock (2005) in gebührender Sorgfalt zu erzählen wussten. Hinzu kommt, dass der Germanist Uwe Neumann im dritten „Freipass“-Band (Februar 2018) auf mehr als fünfzig Seiten die wenigen Briefe, Billets und Telegramme, die zwischen 1965 und 2005 gewechselt wurden (elf von Grass, zwölf von Reich-Ranicki) exakt beschrieben und zum Teil auch erstmals gedruckt hat. Auch hier bleibt Weidermann nichts anderes übrig, als den Vorgänger zu loben und ihn gleichzeitig zu paraphrasieren.

„Was gibt’s Neues?“: Mit dieser Frage pflegte Reich-Ranicki die allermeisten seiner Telefonate zu beginnen und damit den Gesprächspartner erst einmal unter Originalitätsdruck zu setzen. Im „Duell“ gibt es nichts Neues. Dabei legt Weidermann selbst nahe, wie sein Versuch hätte reüssieren können. Wenn er – allerdings haben wir da schon die erste Hälfte des Buches hinter uns – endlich auch auf die erste Begegnung der beiden zu sprechen kommt, 1958 im Warschauer Hotel Bristol, schlägt das bis dato matte Feuer seines Referierens auch erstmals Funken. Sofort geht es um eine jener danach den Umgang bestimmenden „Positionierungen im Literaturkampf“: Reich-Ranicki will von Grass wissen, was dieser etwa von Wolfgang Koeppen oder Böll und selbstverständlich auch von Thomas Mann halte, was wiederum den von einer Recherchereise für die „Blechtrommel“ erschöpften Jungautor schrecklich langweilt.

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