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Memoir von Isabel Allende : Ohne Lärm ist Feminismus nicht zu haben

Isabel Allende im November 2019 Bild: EPA

Sie hat die Faxen dicke: Die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende blickt auf ihr Leben zurück und spricht sich für mehr weiblichen Kampfgeist aus.

          4 Min.

          Als Isabel Allende zwanzig Bücher veröffentlicht hatte, darunter ihr weltberühmtes Debüt „Das Geisterhaus“ von 1982, wurde sie für den Chilenischen Nationalpreis für Literatur nominiert. Grund zum Gratulieren, könnte man meinen. Stattdessen sagte ein chilenischer Autorenkollege in aller Öffentlichkeit, sie sei keine Schriftstellerin, sondern eine Schreibtante. Er habe allerdings kein Buch von ihr gelesen und werde dies auch nie im Leben tun. Allende versichert in ihrem Memoire „Was wir Frauen wollen“, sie erinnere sich nicht an den Namen des Autors. Man darf das für richtig halten – und trotzdem bezweifeln.

          Julia Bähr

          Audience Managerin bei FAZ.NET.

          Denn Isabel Allende, Jahrgang 1942, erinnert sich an vieles. Ihr Buch orientiert sich an ihrer Lebensgeschichte, stets in Bezug auf das Verhältnis von Mann und Frau, und macht dabei thematische und geographische Ausflüge. An manchen Stellen gewinnt das Manifest-Charakter – ihre Behauptung, der Text solle „eher ein ungezwungenes Plaudern sein“, ist jedenfalls stark untertrieben. Das wäre auch schade, schließlich verfolgt das Buch ein Ziel: Die Chilenin möchte nachfolgenden Generationen von Frauen Zielstrebigkeit, Leidenschaft und Kampfgeist mit auf den Weg geben. Und sie stellt fest, dass dafür klare Worte und ein bisschen Getöse nötig sind. „Ohne Lärm ist Feminismus nicht zu haben“ – so lautet ihre Erkenntnis aus einem widerständigen Leben.

          Bereits im Kindergarten sei sie Feministin gewesen, schreibt Allende. „Meine Auflehnung gegen die Herrschaft der Männer nahm ihren Ausgang vermutlich in der Situation meiner Mutter Panchita, die von ihrem Ehemann in Peru sitzen gelassen wurde, zusammen mit zwei Kleinkindern und einem Säugling.“ Deshalb verbrachte Isabel Allende ihre ersten Lebensjahre im Haus ihrer Großeltern in Chile, wo die Familie Unterschlupf fand. Zu ihrem Großvater hatte sie ein enges Verhältnis, aber er machte keinen Hehl daraus, was er unter Ehe verstand: „Der Mann versorgt, schützt und befiehlt, die Frau dient, umsorgt und gehorcht.“ Eine Aufteilung, der die Enkelin zu keinem Zeitpunkt zustimmen wollte. Ihre Überzeugungen schlugen Wellen in der Familie und führten zur unerfüllten Bitte ihrer Mutter, die Männer doch nicht so sehr damit zu konfrontieren.

          Aber die Tochter wollte sich nicht in das Schicksal der Frauen vor ihr ergeben, die es perfektioniert hatten, den Mund zu halten und mitzuspielen. In Chile werde gerne behauptet, es herrsche das Matriarchat, schreibt Allende. „Dabei ist es weit entfernt von der Wahrheit. Die Männer herrschen in Politik und Wirtschaft, die erlassen die Gesetze und wenden sie nach ihrem Gutdünken an, und falls das nicht genügt, mischt die Kirche sich ein mit ihrem altbackenen patriarchalen Gepräge.“ Allenfalls in den eigenen vier Wänden sagten manche Frauen ihren Männern, wo es langgehe.

          Das Desaster muss behoben werden

          Der Zorn aus ihren Kindertagen sei über die Jahre nur größer geworden, berichtet Allende. Ihr feministisches Anliegen ist glasklar: „Dass es nicht darauf ankommt, was wir zwischen den Beinen, sondern was wir zwischen den Ohren haben. Er ist eine philosophische Haltung und eine Auflehnung gegen die Herrschaft der Männer.“ Dazu gehört auch ihre Forderung, Schwangerschaftsabbrüche zu entkriminalisieren. Und der Kampfmodus, in dem der Feminismus sich notgedrungen befindet, soll eines Tages enden können. Denn das Ziel ist nicht, die Oberhand zu gewinnen: „Es kann nicht darum gehen, bei dem Desaster mitzumischen, es muss behoben werden.“

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