https://www.faz.net/-gr3-s0pt

: Was ist vom Tage exemplarisch?

  • Aktualisiert am

Feuilletons im Sinne der literarischen Form sind für den Tag geschrieben. Aber nicht nur zeitlich, sondern auch sozial haben sie etwas Hinfälliges. Es spricht ein "Ich", unterschreibt mit seinem Namen, will dies und das gesehen, ja original erlebt haben. Obwohl es aber nur der Autor so gesehen haben ...

          3 Min.

          Feuilletons im Sinne der literarischen Form sind für den Tag geschrieben. Aber nicht nur zeitlich, sondern auch sozial haben sie etwas Hinfälliges. Es spricht ein "Ich", unterschreibt mit seinem Namen, will dies und das gesehen, ja original erlebt haben. Obwohl es aber nur der Autor so gesehen haben will und das Erlebte gern mit einem "neulich" eingeführt wird, was anzeigt, wie schnell die Schlüsse aus dem Erlebten gezogen wurden, und obwohl es auch zumeist um Nebendinge geht, erheben Feuilletons Anspruch auf Signifikanz. Irgendwie soll es exemplarisch gewesen sein, was ihren Verfassern zustieß, irgendwie stoßen ihnen dauernd kleine bedeutsame Dinge zu, und wenn das ein paar dutzend- oder hundertmal geschehen ist, kommt der Leser kaum darum herum, den Autor literarischer Feuilletons selbst für eine irgendwie bedeutsamkeitserschließende Existenz zu halten.

          Klassiker unter den Feuilletonisten, Polgar und Chesterton zum Beispiel, sind dieser Gefahr der Ausstellung ungewaschener Subjektivität sprachlich durch eine durchgearbeitete Rhetorik begegnet, gedanklich durch angemessene Übertreibungen und durch Weglassen, philosophisch durch den Willen, nicht sich, sondern die Sachen im Vordergrund zu halten.

          Am Mißverhältnis jüngerer Anstrengungen zu dieser feuilletonistischen Form läßt sich etwas über die Gegenwart ablesen. Denn wenn beispielsweise ein Buch wie das vorliegende gegen so gut wie jede Bedingung dieser Form verstößt, dann liegt es vor allem daran, daß an den Formen nur noch die Lizenzen, aber nicht mehr die Bedingungen wahrgenommen werden (Hilal Sezgin: "Kleines ABC der Freiheiten". Feuilletons. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2005. 181 S., br., 12,90 [Euro]). Die Autorin drängt den Lesern ihrer Feuilletons das eigene So-und-nicht-anders-Sein ganz unförmlich auf. Ihre Gummistiefel, ihre Mutter, ihre Wohngemeinschaft, ihre beste Freundin, ihre Katze. Man liest Home-Stories, in denen sich ein Journalist selbst besucht und seine Inneneinrichtung wohlwollend kommentiert. "Eigentlich gehört es sich ja nicht, über Gebete öffentlich zu plaudern...", aber sie kann nicht widerstehen und ist darum so frei, hat in der Moschee ja auch gar nicht an Gott gedacht, sondern an ihre Hose, ihre Füße, ihre Fremdheit. So geht es in einem pseudoexemplarisch fort: Wir Frauen, wir Mädchen, wir ehemals engagierten Feministinnen, die jetzt Putzfrauen haben, wir Hypochonder, wir "Nachgeborenen" von Jane Austen. "Ich bin eine von denen, die..." - auf jeder Seite finden sich Materialien zur Ergänzung dieses Satzes ausgebreitet.

          Der Ertrag dieser Neigung, zu jeder Sachfrage, von der Tagesmode über die Karriere bis zum Terrorismus, ein Ich oder ein Wir oder einen Bekannten heranzuziehen, an deren Einstellung dann das Thema durchgespielt wird, ist gering. Denn nicht einmal die Subjektivität wird ernst genommen. Statt dessen übt sich die Autorin ständig darin, ihre Gedanken zu irgendwelchen privaten Kleinigkeiten - Hüfthosen, Handtaschen, Flirts, Mobiltelefonen et cetera - zuerst für absolut mitteilenswert auszugeben, um dann unter augenzwinkerndem Gekicher im Ton eines "Ach, wie furchtbar wichtig nehmen wir uns doch!", "Sind wir nicht putzig?" oder "So sind sie eben, die Männer, die Deutschen, die Kollegen" zu schließen.

          Was sie selbst daran für Ironie zu halten scheint, ist tatsächlich ein Gerührtsein durch sich selbst und der Wunsch, das eigene Leben wie dasjenige eines Kindes und als voller Kindereien zu betrachten. Wenn es doch einmal ernst wird, wie in Geschichten über Muslime oder in Stücken, die sich mit Tierschutz befassen, läuft es auf Befunde wie die hinaus, daß Tierversuche grausam sind, die Medien stark vereinfachen, Migranten, insbesondere Türken, viel mit Vorurteilen zu kämpfen haben.

          Die Autorin ihrerseits kämpft um einen lustigen und niedlichen Ton, der gleichwohl gehoben sein soll, um Reflexion zu belegen. Der Niederlage in diesem Kampf verdanken sich die sprachlichen Eigentümlichkeiten des Bandes. Die englische Küste verliert "jede Malerischkeit", man versucht "beim Angezogensein auch gut auszusehen", Mann und Frau bilden "ein gemischtes Fußgängerpaar", eine kleine Versammlung ist ein "nicht üppiges Grüppchen" und ein heutiger Museumsbesucher ein "neuzeitlicher Betrachter", es gibt eine Sorte Mensch, die "zum Lesen gebaut ist", und Wachleute setzen eine Frau "unter Aussparung geschlechtsspezifischer Körperzonen vor die Tür".

          So unfreiwillig komisch solche Wendungen sind, so grenzenlos verhält sich die Autorin zu ihrem Genre. Sie bedenkt nicht, daß noch lange kein Feuilleton daraus wird, wenn die Zeilen ständig der Refrain begleitet: "Flott bin ich geschrieben, pfiffig und mit spitzer Feder." Die Form des literarischen Feuilletons hatte historische Bedingungen, sie war vom Aufkommen der Metropolen geprägt, von der Verdichtung des sozialen Verkehrs, von der Ideologisierung des intellektuellen Feldes. Es geschah offensichtlich etwas Neues, die Lebensverhältnisse waren tatsächlich in Bewegung, es gab wirklich etwas zu erkunden. Der Anspruch auf Interesse, den dieses Buch geltend macht, lautet hingegen: Hallo, jetzt sind mal Mädchenthemen dran, und andere Quotenthemen kann ich auch! Aber wenn dann nicht einmal ein weißer, katholisch getaufter, männlicher Eingeborener vom Land irgend etwas Neues erfährt?

          JÜRGEN KAUBE

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Kapitol in Washington

          Washington : Kongress beschließt Sanktionen gegen China

          In der chinesischen Provinz Xinjiang sind laut Menschenrechtsaktivisten mehr als eine Million Uiguren und andere Muslime in Haftlagern eingesperrt. Nun will Amerika die Regierung in Peking dafür bestrafen.
          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.