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: Was aus dem Zeugs den Zeugen macht

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Wenn in fünfzig oder hundert Jahren Historiker darangehen, die Renaissance des Museums im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert zu erforschen, werden sie vermutlich von einem Paradigmenwechsel sprechen, der zu einem wahren Museumsboom führte. Nicht mehr die Aura des einzigartigen Kunstwerks war es, ...

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          Wenn in fünfzig oder hundert Jahren Historiker darangehen, die Renaissance des Museums im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert zu erforschen, werden sie vermutlich von einem Paradigmenwechsel sprechen, der zu einem wahren Museumsboom führte. Nicht mehr die Aura des einzigartigen Kunstwerks war es, die Museumswürde verlieh, sondern die historische Bedeutung, die einem Gegenstand - und sei er noch so banal - zugesprochen wurde. Damit war alles ausstellbar geworden, und die daraus resultierende Musealisierung des Populären popularisierte das Museum: Zwischen 1970 und 2000 nahm die Zahl der Museen um mehr als das Dreifache zu.

          Als entscheidende Wegmarke erscheint aus dieser Perspektive das Jahr 1981, als im Martin-Gropius-Bau in Berlin die Ausstellung "Preußen. Versuch einer Bilanz" stattfand. Hatten sich historische Ausstellungen in den Jahren zuvor als textlastig erwiesen und von Flachware dominiert, betrat hier das dreidimensionale Objekt selbstbewußt den Raum. Aber es kam nicht wie in den Kunstmuseen als erhabener Solitär daher, sondern hatte, zu eingängigen, suggestiven Ensembles komponiert, seinen großen Auftritt. "Bilder zum Nachdenken" nannte das Hartmut von Hentig. Kritiker hingegen witterten "Effekthascherei" und monierten, daß den Werken Immanuel Kants Geburtszange, Flohfalle und Wasserrohr als segensreiche Errungenschaften der Zeit beigegeben waren. Auch wollte ihnen nicht in den Kopf, warum Kaiser Wilhelm I. an einem Ballon unterm Glasdach des Lichthofs schwebte, und das hoch zu Roß. Was sollte der Theaterzauber? Zudem noch arrangiert vom Bühnenbildner der Schaubühne Karl-Ernst Herrmann?

          Die Regie hatte Gottfried Korff geführt. "Nanu, Sie kennen Korff noch nicht!" mag man heute in Anlehnung an einen fast vergessenen Heinz-Rühmann-Film scherzen. Ende der siebziger Jahre aber, als Korff das Amt des Generalsekretärs der von allen Seiten argwöhnisch beäugten Preußen-Schau antrat, war sein Name nur wenigen ein Begriff. Er entstammte dem Tübinger Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, wo sich die Volkskunde unter der Anleitung Hermann Bausingers der Alltagskultur hingab. Am Freilichtmuseum Kommern in der Eifel hatte er dann als Kustos praktische Erfahrungen gesammelt.

          Die Preußen-Ausstellung avancierte zu einem großen Erfolg, und auch seinen folgenden Projekten - "Berlin, Berlin" (1987), "Feuer und Flamme. 200 Jahre Ruhrgebiet" (1994) im Gasometer Oberhausen, "Mittendrin. Sachsen-Anhalt in der Geschichte" im Kraftwerk Vockerode (1998) und "Sonne, Mond und Sterne. Kultur und Natur der Energie" in der Kokerei Zollverein in Essen (1999) - waren jeweils eine halbe Million Besucher beschieden. Man tut Korff nicht Unrecht, sieht man in ihm einen Protagonisten des Museumsbooms.

          Höchste Zeit also, daß nun der Band "Museumsdinge. Deponieren - Exponieren" die großen Ausstellungen Revue passieren läßt, aber auch kleine wie "Flick-Werk. Reparieren und Umnutzen in der Alltagskultur" (1983) nicht vergißt. Zugleich versammelt er eine Vielzahl der verstreut erschienenen Aufsätze des Tübinger Hochschullehrers, die zeigen, wie sehr seine praktische Arbeit von der Bemühung begleitet wird, eine "Theorie der Praxis" zu entwickeln. Nicht mehr das Sammeln und Bewahren stehen für ihn im Zentrum, sondern das Ausstellen. Das Museum "ist nicht Speicher, sondern Bühne, Bühne in jenem zweifachen Wortsinn, den das Schwäbische kennt - es ist Bühne im Sinne von Berge- und Lagerraum, und es ist Bühne im Sinne der Schaubühne, der Expositionsagentur". Im Gegensatz zum Kunstwerk, von dem behauptet wird, es entfalte seine Wirkung selbst, bedarf das alltägliche, banale Objekt der Inszenierung, die funktionale, historische oder symbolische Bezüge herstellt: "Erst das Exponieren macht aus dem Zeugs den Zeugen."

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