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: Warum weint der Feldherr?

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Die längste Zeit haben immer neue Generationen im Gefüge der römischen Republik nach den Geheimnissen von Stabilität und Selbstbehauptungsfähigkeit gesucht. Der Utilitarismus Machiavellis fand sie in der Staatsklugheit und den Tugenden der Römer; die fest im Ordnungsdenken und der Umsturzfurcht des neunzehnten ...

          Die längste Zeit haben immer neue Generationen im Gefüge der römischen Republik nach den Geheimnissen von Stabilität und Selbstbehauptungsfähigkeit gesucht. Der Utilitarismus Machiavellis fand sie in der Staatsklugheit und den Tugenden der Römer; die fest im Ordnungsdenken und der Umsturzfurcht des neunzehnten Jahrhunderts verwurzelte Staatsrechtslehre Theodor Mommsens setzte auf die Amtsgewalt als rechtsförmige Basis und auf die Volkssouveränität, eine politische Imagination.

          Auch nachdem die althistorische Forschung die aristokratische Gesellschaft als Achse und Fundament der res publica ausgemacht hatte, ging sie, einer unausgesprochenen Wertentscheidung folgend, von einer prästabilen Ordnung aus, was sich auch in der Rede von der "klassischen Republik" ausdrückt. Die sich anschließenden einhundert Jahre vor Augustus erhielten demgegenüber Überschriften, die eine negative Dynamik ausdrücken: Krise, Revolution, Erosion, Verfall, Untergang.

          Es ist wohl auch dem Abschied von solchen Wertperspektiven geschuldet, wenn sich in Egon Flaigs Studien über die politische Kultur der römischen Republik die Bemerkung findet, nicht so sehr die Veränderungen seien analysebedürftig, da sie sich im Wandel der Generationen von allein einstellten; viel schwieriger sei Stabilität zu erklären. Für den Greifswalder Althistoriker ist weder der meist unerschütterliche Gehorsam der nichtadligen Römer gegenüber der aristokratischen Elite noch der Konsens innerhalb der doch hochgradig auf Rang- und Prestigewettbewerb ausgerichteten politischen Elite selbstverständlich. In Rom zu herrschen, so macht die Lektüre rasch klar, hatte mit individueller Freiheit nichts zu tun.

          Trotz Überlegenheit und großer sozialer Distanz lernten römische Adlige seit ihrer Kindheit, wie sie sich vor dem Volk zu benehmen und ihm Respekt zu erweisen, ja mitunter auch affektive Nähe an den Tag zu legen hatten. Wurden die erwartbaren Codes aus Gesten, Zeichen und Worten mißachtet, kam es rasch zu Gehorsamsverweigerungen, gelegentlich auch Gewaltakten; diese waren weder bedauerliche Ausnahmen noch Zeichen von Anarchie, sondern anerkannte Reaktionen einer wertkonservativen Plebs. Die Frage, ob man das reiche Ensemble der Habitusregeln und Kommunikationspraktiken, die hier mit Hilfe des von Pierre Bourdieu bereitgelegten methodischen Instrumentariums durch dichte Interpretationen aussagekräftiger Quellenzeugnisse rekonstruiert werden, noch unter dem Begriff der "Verfassung" subsumieren sollte, würde Flaig wohl verneinen.

          Narben waren gern gesehen

          Eher könnte man von einer zusätzlichen, dynamikstiftenden Dimension sprechen; aufgewiesen wird nämlich, wie sich die anderen Bestimmungsfaktoren der politischen Ordnung, etwa gesetzliche Regelungen, Kompetenzen der Ämter und Gremien oder die als mos maiorum bezeichneten Konventionen des Handelns, in grenzwertigen Situationen zur Geltung brachten oder eben gerade nicht ausgeschöpft wurden und welche Rolle erwartbares wie unerwartetes Verhalten der Akteure dabei spielte. In Flaigs subtilen Analysen eröffnet sich ein ungemein vielfältiges "Inventar von Differenzen"; vormals unverstanden Ignoriertes bekommt plötzlich Sinn. Warum weinten römische Feldherren bisweilen? Warum trugen sie keine Bärte, zeigten aber unter Umständen ihre Narben? Warum waren Volksversammlungen keine Entscheidungsorgane und gleichwohl politisch äußerst bedeutsam? Ob sich die ermittelten Zusammenhänge zu einer "Grammatik der römischen Politik" verdichten lassen, muß einstweilen offenbleiben; gerade der mikrohistorische Blick zwingt auch den Historiker zu einer Einsicht, die einst viele Senatoren und Tribune, die in einer Versammlung im Stich gelassen wurden, unmittelbar und schmerzhaft erfahren mußten: "Gesten wirkten nicht immer; Performanzen mißlangen."

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