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Vatikan-Enthüllungsbuch : Der brave Papst, der unter Tunten lebt?

Papst Franziskus Anfang Dezember bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz Bild: dpa

Frédéric Martel glaubt Rom entschlüsselt zu haben und betreibt Vatikanologie als gefallsüchtiges Geschwätz. Der homosexuellen Gemeinschaft innerhalb der Kirche schadet er damit.

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          Gleich zu Beginn, in einer Vorbemerkung des Autors, geht es los mit der Zahlenhuberei. Der Leser erfährt, dass Frédéric Martel mehr als vier Jahre lang für sein Buch recherchiert habe. Dabei habe er mit gut 1500 Leuten gesprochen, im Vatikan sowie in dreißig Ländern auf vier Kontinenten. Unterstützung habe er zudem von achtzig Rechercheuren, Korrespondenten, Beratern und Übersetzern erfahren.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Damit nicht genug, wird man auf den Seiten des langen Buches von Martel immer wieder mit der Information traktiert, wie oft er mit wem wo und wie lange gesprochen habe. Daraus geht in den meisten Fällen nichts hervor. Es offenbart aber die zentrale Autorenschwäche des zweiundfünfzig Jahre alten französischen Publizisten und Soziologen: Er befleißigt sich eines gefallsüchtigen Stils, und in den zentralen Thesen ist sein Buch gefallsüchtiges Geschwätz.

          Ein Radar für Schwule

          Im französischen Original sowie in weiteren sieben Sprachen ist das Buch schon im Februar herausgekommen, rechtzeitig zum Beginn des von Papst Franziskus im Vatikan einberufenen „Missbrauchsgipfels“. Ein chronologisches oder argumentativ nachvollziehbares Narrativ gibt es in Martels Buch nicht. Er beginnt mit Papst Franziskus, springt zurück zu Paul VI., lässt ein Kapitel zu Johannes Paul II. folgen und schließt mit Benedikt XVI. Durchs Gewirr von Entwicklungen, Ereignissen und Gesprächen hat Martel willkürlich grellrote Fäden gelegt. Der dickste dieser Fäden handelt von einer angeblich „gigantischen homosexuellen Dimension“ der jüngsten Geschichte des Vatikans. Schwulsein entspreche „im Klerus beinahe der Norm“, will Martel aufgedeckt haben, und je höher hinauf man in der Kirchenhierarchie blicke, desto schwuler gehe es zu. Von Francesco Lepore, einem italienischen schwulen Ex-Priester, übernimmt der Autor umstandslos die Einschätzung, dass vier Fünftel der Mitarbeiter am Heiligen Stuhl schwul seien.

          Selbstverständlich wird, so Martel, auch im Kardinalskollegium „Heterosexualität zur Ausnahme“. Wohin Martel im Vatikan auch schaut, er entdeckt nichts als „fifty shades of gay“. Es ist eine Welt, die „jede Vorstellungskraft“ übersteige: Saunapartys mit männlichen Prostituierten; Priester, die an den einschlägigen Orten der Ewigen Stadt arabische Stricher frequentieren; Kirchenfürsten, die ein allseits bekanntes Doppelleben führen; junge Seminaristen, die mit ihrem Comingout ringen. Franziskus, für den der Autor eine glühende Sympathie hegt, lebe „unter Tunten“, heißt es.

          Den gegenwärtigen Papst zählt Martel, der selbst offen schwul ist, übrigens nicht „zur Gemeinde“. Dafür seien vier der jüngsten Vorgänger von Franziskus schwul gewesen. Woher Martel das alles weiß? Er nimmt dafür sein angeblich stets zuverlässig arbeitendes „Gaydar“ in Anspruch: Die Wortkontraktion aus „gay“ und „Radar“ insinuiert, dass er, Martel, dank seiner eigenen Homosexualität andere Schwule sofort erkenne.

          Ein doppelter Bärendienst für den Papst

          Seine Küchenpsychologie hämmert Martel in sogenannte Sodom-Regeln. Die lauten etwa: Je homophober sich ein Kirchenfürst äußert, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er selbst schwul ist. Und: Je schwulenfreundlicher ein Prälat, desto weniger wahrscheinlich ist er selber schwul. Was treibt die maßgeblichen konservativen Kritiker von Franziskus in der Kurie an? Sie sind insgeheim schwul.

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