https://www.faz.net/-gr3-9uirx

Vatikan-Enthüllungsbuch : Der brave Papst, der unter Tunten lebt?

Sein monokausales Erklärungsmuster legt Martel über alle Entwicklungen der Weltkirche der vergangenen Jahrzehnte. Sämtliche Kritiker der autoritären Amtsführung sowie der linksliberalen Theologie von Papst Franziskus sind in den Augen Martels reaktionäre Feinde des Heiligen Vaters, deren Herz hart geworden ist, weil sie ihr Schwulsein verleugnen. Warum entscheiden sich in Europa und Nordamerika immer weniger junge Männer für das Priesteramt? Weil sie in den aufgeklärten westlichen Gesellschaften heute offen ihre Homosexualität ausleben können und nicht mehr nur in „der Gemeinde“ hinter den Mauern des Kirchhofs oder eben des Vatikans.

Der französische Autor Frédéric Martel

Seinem bewunderten Kirchenreformer Franziskus erweist Martel mit seinem Buch einen doppelten Bärendienst. Erstens interessiert sich Martel allenfalls am Rande für die Vertuschung von notorischen Missbrauchsfällen in Argentinien durch den einstigen Erzbischof von Buenos Aires sowie für den skandalösen Umgang des späteren Papstes mit dem massiven Missbrauchsskandal in Chile, wo sich Franziskus erst nach einem internationalen Aufschrei zum radikalen Durchgreifen gegen die chilenischen Bischöfe gezwungen sah. Martel lässt dem Peronisten im Vatikan durchgehen, dass dieser die Untaten seiner Amigos unter den Teppich kehrt, während er seine weltanschaulichen Widersacher unerbittlich verfolgt. Damit spielt Martel das auch von Papst Franziskus betriebene obszöne Spiel mit, in welchem der monströse Missbrauch von Schutzbefohlenen als Waffe im politischen Kampf gegen innerkirchliche Gegner eingesetzt wird.

Bücher-Podcast
In der Februar-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

Wie schreibt man heute über Aale und Eichhörnchen? Welche Figur machen Frauen in Krimis von Frauen? Und was ist von Bov Bjergs neuem Roman „Serpentinen“ zu halten?

Zum Podcast

Zweitens entkräftet Martel mit seiner „Schwulenbrille“ das Hauptargument von Franziskus, wonach die sexualisierte Gewalt in der Kirche ein Problem des Machtmissbrauchs – des „Klerikalismus“ in den Worten des Papstes – sei und nicht ursächlich mit der sexuellen Orientierung der Täter zusammenhänge. Wenn aber nachweislich achtzig Prozent der Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche Jungen und männliche Jugendliche sind und nach Martel das Priestertum der bevorzugte Karriereweg für verkappte oder auch geoutete Schwule ist, dann ist der globale Missbrauchsskandal eben doch ein Schwulenskandal und kein Machtskandal.

Innerkirchliche Advokaten einer theologisch-dogmatischen Öffnung des Katholizismus gegenüber der Homosexualität wie der amerikanische Jesuit James Martin beklagen die verheerende Wirkung der Pauschalierungen Martels. Martin, Autor des 2017 erschienenen Buches „Building a Bridge: How the Catholic Church and the LGBT Community Can Enter into a Relationship of Respect, Compassion, and Sensitivity“, wirft Martel vor, schwule Katholiken mit einer Art „friendly fire“ zu belegen. Denn Martels Buch, schreibt Martin, erwecke „in den Köpfen die Vorstellung, dass alle schwulen Priester ihr Keuschheitsgelübde brechen und mit Missbrauch in Verbindung stehen“.

Frédéric Martel: „Sodom“. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan. Aus dem Französischen von Katja Hald u. a. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 671 S., geb., 26,– €.

Weitere Themen

Satyrspiele im Vatikan

„The New Pope“ bei Sky : Satyrspiele im Vatikan

In der Serie „The New Pope“ zieht Paolo Sorrentino alle Register. Es geht um Dekadenz, Macht, Prunk und Sex. Aber dann doch auch um das Göttliche. Mittendrin schürzt ein großartiger John Malkovich die Lippen.

Topmeldungen

Vor der Bürgerschaftswahl : Warum Hamburg anders wählt

Am Sonntag wählen die Hamburger eine neue Bürgerschaft. Was wünschen sie sich von der Politik für ihre Stadt? Ein Blick auf den Durchschnittshamburger gibt Antworten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.