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: Warum Luxus?

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Die Luxusgüterbranche boomt - aber um die Welt der edlen Dinge zu verstehen, braucht es mehr als nur viel Geld. In Paul Gallicos heiterer Erzählung "Ein Kleid von Dior" verwendet die liebenswerte Londoner Reinmachefrau Mrs. Ada Harris ihren ganzen Ehrgeiz darauf, in den Besitz einer Robe des legendären Pariser Modeschöpfers zu kommen.

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          Die Luxusgüterbranche boomt - aber um die Welt der edlen Dinge zu verstehen, braucht es mehr als nur viel Geld. In Paul Gallicos heiterer Erzählung "Ein Kleid von Dior" verwendet die liebenswerte Londoner Reinmachefrau Mrs. Ada Harris ihren ganzen Ehrgeiz darauf, in den Besitz einer Robe des legendären Pariser Modeschöpfers zu kommen. Ob es überhaupt Anlässe gibt, bei denen sie diese auch tragen könnte, das spielt eigentlich gar keine große Rolle: Mrs. Harris ist einfach fasziniert vom großen Namen Christian Diors, der für sie gleichbedeutend ist mit weltläufiger Eleganz, mit hochwertigen Stoffen, mit französischem savoir vivre, mit gesellschaftlichem Glanz. Anders gesagt: Ein Kleid von Dior, das ist nichts anderes als der pure Luxus - der Traum von einer Welt der höchsten Verfeinerung. Nun könnte man fragen, warum eine britische Reinigungskraft ihr bisschen Geld ausgerechnet für solch ein teures Kleidungsstück ausgeben möchte, wo es doch gewiss viel sinnvollere Verwendung gäbe. Aber wer diese Frage stellt, der hat vom Wesen des Luxus nicht viel verstanden. Denn Luxus bedeutet, nach etwas Höherem zu streben, die bedrückend eintönigen Ebenen des Massenkonsums hinter sich zu lassen, der Banalität den Rücken zu kehren. Insofern ist die Sehnsucht nach Luxus sogar ein höchst zivilisatorischer Akt: Wie sähe unsere abendländische Kultur wohl aus, wenn die Menschen sich immer nur mit dem Notwendigen, dem Praktischen und mit der bequemsten Lösung zufrieden gegeben hätten? Dass gerade eine vermeintlich einfache Frau wie Mrs. Ada Harris keine Mühen scheut, um ihren sehnlichsten Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, ist keineswegs lächerlich oder gar moralisch verwerflich - sondern verdient im Gegenteil höchste Bewunderung.

          Luxus, so definiert es der große Gelehrte Werner Sombart, sei "jeder Aufwand, der über das Notwendige hinausgeht". Und unterscheidet im nächsten Schritt zwischen quantitativem Luxus, "der gleichbedeutend ist mit Vergeudung von Gütern", wenn man etwa "drei Schwefelhölzer auf einmal ansteckt, um sich eine Zigarre anzuzünden". Sowie qualitativem Luxus, mit dem er "alle Zurichtung der Güter" als einer Verfeinerung meint, "die für die notwendige Zweckerfüllung überflüssig ist". Von kulturellem Interesse ist natürlich nur die letzte Variante, denn reine Verschwendung um ihrer selbst willen erscheint uns sogar in höchstem Maße primitiv und auf abstoßende Weise dekadent - man denke nur an die groteske Schuhsammlung der Imelda Marcos oder an manche afrikanische Potentaten mit ihren privaten Fuhrparks voll unbenutzter Edelkarossen. Der wahre Luxus dagegen ist ein Fest für die Sinne - eine Freude für Auge, Ohr, Nase, Gaumen oder für die tastende Hand. Sombart zufolge ist denn auch die Erotik eine nahe Verwandte, wenn nicht sogar die Schwester des Luxus: Er ist zutiefst überzeugt davon, dass "überall dort, wo Reichtum sich entwickelt und wo das Liebesleben naturgemäß und frei (oder frech) sich gestaltet, auch Luxus herrschen" wird.

          So wie die Freiheit an vielen Orten dieser Welt leider immer noch ein Luxus ist, den nur eine Schicht von Privilegierten genießt, steht umgekehrt in der Demokratie das Wort "Luxus" für die Freiheit, vom Recht auf Vielfalt und Verschiedenartigkeit Gebrauch zu machen. Nichts ist trister als eine Diktatur, die den Bürgern glaubt vorschreiben zu müssen, was diese zum Leben benötigen: Der Kommunismus hat es bewiesen. Aber auch falsch verstandener Luxus entwickelt mitunter diktatorische Züge. Nämlich dann, wenn die Menschen sich zu seinem Sklaven machen. Man braucht nur einmal die Prachtstraßen von Paris, London, Rom oder auch nur von Düsseldorf entlangzuschlendern und mit den Einkaufstüten der großen Luxusmarken behängte, hektisch von einer Nobelboutique zur nächsten hastende Touristinnen zu beobachten, um zu wissen, was gemeint ist. Mit Markenprodukten glauben sie umstandslos etwas kaufen zu können, das es für Geld in Wahrheit gar nicht gibt. Nämlich Stil. Stil jedoch ist die Voraussetzung jeglichen Luxusbewusstseins - weshalb jene millionenteure goldene Kloschüssel, die ein reicher Hongkong-Chinese vor einiger Zeit voller Stolz der Öffentlichkeit präsentierte, auch nicht als luxuriös gelten kann, sondern einfach nur als albern und peinlich. Wenn Luxus im wohlverstandenen Sinne aber Verfeinerung bedeutet, dann muss man die Feinheiten kennen, um sie wertschätzen zu können. Mit der Kolumne "Das Luxuslexikon", die nun ein Jahr lang jede Woche erschienen ist, sollte in dieser Hinsicht eine kleine Hilfe gegeben werden. Sämtliche Episoden - und noch viele mehr - sind jetzt in einem Buch versammelt: "Das Luxuslexikon". Gewissermaßen ein Einkaufsführer der besonderen Art.

          mar.

          Alexander Marguier: "Das Luxuslexikon", 288 Seiten, DuMont. 14,90 Euro.

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