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Eva Illouz’ „Warum Liebe endet“ : Keine Dating-App ist auch keine Lösung

  • -Aktualisiert am

Wo endet die Liebe und wo beginnt der Konsum? Für Eva Illouz ist das eine vom anderen heute gar nicht mehr zu trennen. Bild: dpa

Begehren war früher nicht besser, aber berechenbarer: Eva Illouz geht einmal mehr den Wandlungen der Gefühle im Konsumzeitalter nach.

          Für die israelische Soziologin Eva Illouz ist die ökonomisierte Zuneigung ein wesentliches Kennzeichen der Moderne. Ihre reichhaltige Forschung läuft auf einen Gedanken hinaus: Die merkantile Logik heutiger Sexualität torpediere Beziehungen. Sie verwandle sozialen Umgang in Handelsflüsse, die getrieben sind von Profitdenken und dem Ideal steter Verfügbarkeit. Sie mache aus dem Körper, insbesondere dem weiblichen, ein Produkt, das konsumiert werden will. Sie verwerfe Innerlichkeit zugunsten von Sichtbarkeit. Und sie fördere die Möglichkeit, das zu tun, was beliebt, solange es keinem schadet.

          Kritik an dieser „negativen Freiheit“ durchzieht Illouz’ neuestes Buch „Warum Liebe endet“. Aus historischen Analysen, Interviews und im Internet gesammelten Anekdoten gewinnt die Autorin das Leitmotiv: Begehren war früher nicht besser, aber berechenbarer. Geographische Nähe übersetzte sich häufig in emotionale, man wohnte und heiratete nachbarschaftlich. Später ermöglichten die gelösten Fesseln von Religion und Moral die volle Entfaltung der innersten Wünsche.

          Eva Illouz’ neues Buch „Warum Liebe endet“

          Doch marktgetrieben wird Freiheit in der Liebe zur Achillesferse. Anstelle des Begehrens tritt die Wahl. Aber da der wählende Wille ein wägender ist, der die Welt nur als Ansammlung von Optionen begreift, entsteht ein Zustand steter Ungewissheit, der sich auf die Liebe selbst überträgt: „Beziehungen zu verlassen, unfähig oder unwillig zu sein, Beziehungen einzugehen, von einer Beziehung in die nächste zu springen, all das ist ein fester Bestandteil dieser neuen Marktförmigkeit der sexuellen Beziehungen.“ Wiederholt verweist Illouz darauf, dass ihre Kritik der Freiheit nicht die durch sie ermöglichten Errungenschaften – etwa die Selbstbestimmung der Frau über Körper und Vermögen – in Frage stellt. Zugleich verwahrt sie sich dagegen, einer neuen Prüderie das Wort zu reden. Es geht ihr zuerst um den von einer moralischen Wertung befreiten Befund, dass Normen Klarheit und Gewissheit bedeuten.

          All das schildert Illouz nuanciert und instruktiv, obschon sie damit den Argumentationsbogen eigener älterer Schriften einfach nur wiederholt: Die heute oft vorgenommene Betonung der Eigenverantwortung verschleiere, dass Liebe maßgeblich der institutionellen Ordnung unterliegt. Romantische Liebe fördere geschlechtsstereotype Verhaltensweisen. Die Wahl zu haben sei charakteristisch für die Moderne und Unsicherheit der für Autonomie zu zahlende Preis.

          Ein weiteres Problem tut sich auf, das skeptischen, insbesondere historisch-vergleichenden Gegenwartsdiagnosen häufig eignet: Die Vergangenheit schrumpft zur eindimensionalen Folie, von der die Gegenwart abgegrenzt wird. Vormodernes Liebeswerben veranschaulicht Illouz an Romanen von Anthony Trollope und Gustave Flaubert. Doch Literatur bleibt eine Form poetischer Transformation. Ihre Inhalte mit historischen Ereignissen in eins zu setzen ist fahrlässig.

          Mit groben Pinselstrichen

          Wenn Illouz hervorhebt, dass die Freiheit, sich Zwangsehen zu widersetzen, die gleiche Freiheit sei, die „sich der Sprache der Verpflichtung und Gegenseitigkeit entledigte, in der alle oder doch die meisten sozialen Interaktionen traditionell organisiert waren“, dann beschreibt sie zwar einen Sprachwandel – ob dieser allerdings auch auf einen Handlungswandel verweist, bliebe noch zu beweisen.

          So ist die Kritik dann auch oft wohlfeil. Frauen, die vielen Studien zufolge die meisten Kaufentscheidungen treffen, erscheinen bei Illouz als männlich bestimmte Produkte des Markts ohne Handlungsmacht. Die Pflege des Äußeren wird, ganz idealistisch, als den Charakter und das wahre Selbst verbergendes Zugeständnis an den pornographisch geprägten Blick der anderen dargestellt. Die Prominenz, die unverbindlicher Geschlechtsverkehr in der Online-Welt einnimmt, dient als Beweis für dessen tatsächlichen Anstieg. Und während Illouz die männliche Prägung des kapitalistischen Markts über alle Kapitel hinweg seziert, widmet sie einem Widerspruch weiblichen Verhaltens nur wenige Seiten: Einige ihrer Interviewpartnerinnen wünschen sich Männer, die Zuneigung zu zeigen bereit sind; doch kommen diese der Erwartung entgegen, wird es ihnen als subtile Kontrolle durch Bedürftigkeit ausgelegt.

          Illouz skizziert all dies mit groben Pinselstrichen und setzt an einem neuralgischen Punkt an: In Gefühlen offenbart sich das Gepräge des Umfelds, in dem sie entstehen. Doch um dies näher zu beleuchten, hätten weniger Quellen und zitierte Sekundärliteratur gutgetan und ein differenzierterer Blick. Denn die gebrachten Zitate deuten an, dass der Wandel von verbindlicher Gegenseitigkeit zu wankelmütigem Individualismus weniger historisch als gebrauchsabhängig zu erklären ist: Wer mitmacht, hat im Grunde schon verloren. Dabei ist ausreichend Handlungsspielraum vorhanden. Nutzer von Dating-Apps sind keine unmündigen Personen, die ihr Profil unter Zwang anlegen. Freiheit, das ist auch die Freiheit, nicht an der Nichtwahl teilzunehmen.

          Insofern bleibt die Grundaussage wohl dennoch richtig: Das Sexuelle ist politisch, daher ist nicht wählen auch keine Lösung.

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