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Warum feiern wir Geburtstage? : Wie schön, dass du geboren bist

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Heute kann es regnen, stürmen oder schnei’n: Riesenpanda Xin Xin feiert ihren Geburtstag im Zoo von Macau. Bild: Picture-Alliance

Eigentlich eine seltsame Sitte, sich selbst einmal im Jahr zu feiern: Stefan Heidenreich geht der Geschichte des Geburtstags auf den Grund und findet Erstaunliches.

          Nur ein Kindervergnügen, das mit zunehmendem Alter immer lästiger und peinlicher wird? Mitnichten! Der Kunst- und Medienwissenschaftler Stefan Heidenreich hat sich auf die Suche nach den Ursprüngen des Geburtstags gemacht und erzählt seine Geschichte als Ausdruck des sich seiner selbst und seines Wertes bewusst werdenden Subjekts.

          Schon die Römer feierten einmal im Jahr Geburtstag, so Heidenreich, allerdings nicht ihren eigenen, sondern den ihres persönlichen Schutzgeistes oder auch des Schutzgeistes der Ehefrau oder des Gönners. Genius hieß die männliche Version dieser Geister, Juno die weibliche. Der Daimon der Griechen hingegen hatte einmal im Monat Geburtstag, und anscheinend trafen sich dann Menschen, die Überlieferung berichtet vor allem von Männern, die am selben Tag des Monats Geburtstag hatten, zu einem Saufgelage.

          Je tiefer Heidenreich in die Geschichte des Geburtstagsfests zurückblickt, desto deutlicher wird, wie viel Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um es feiern zu können. Erst einmal muss man den eigenen Geburtstag kennen. Klingt banal, doch noch heute, so der Autor, wird der Geburtstag jedes dritten Neugeborenen nicht und nur ungenau registriert. Egal, ob die Kirchen die Zahl ihrer Schäfchen, die Herrscher die Anzahl der zu erwartenden Soldaten oder die Steuereintreiber die Zahl der Bürger wissen wollten: Um Geburten zu verzeichnen war auch noch eine leistungsfähige Verwaltung nötig.

          Ein Geburtstag ohne Kuchen mit Kerzen zum Ausblasen wäre – auch Stand heute – nicht vollständig. Aber wie werden wir künftig in der Digitalwelt feiern?

          Mit Foucault konstatiert der Autor die Bedeutung des Archivs, das definiere, was geschehen kann: Nur wenn der Geburtstag archiviert ist, kann er gefeiert werden. Um Geburtsdaten archivieren zu können, braucht es auch einen Kalender, was Heidenreich zum Anlass nimmt, die Wirren um die Entwicklung, Verbesserung und Vereinheitlichung der diversen Kalendersysteme nachzuzeichnen. Besonders abenteuerlich: die Berechnung von Jesu Geburt, „des wichtigsten aller gefälschten Geburtstage“, der das am weitesten verbreitete Jahr null festlegt.

          Von Beginn an Kuchen mit Kerzen zum Ausblasen

          Einer der ersten überlieferten Weihnachtsgottesdienste fand 386 in Antiochia statt. „Es wäre ungefähr so“, schreibt Heidenreich, „als würden wir heute damit beginnen, den Geburtstag eines sehr berühmten Mannes aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges feiern zu wollen.“ Allerdings haben es die Zoroastrier auch nicht einfacher, die sich erst 1990 auf das Geburtsjahr ihres Propheten einigten – 1737 vor Christus –, die unterschiedlichen Schulen des Buddhismus hingegen können sich bis heute nicht einmal auf das Jahrhundert der Geburt Siddharta Gautamas verständigen.

          Sind all diese Voraussetzungen erfüllt, fehlt zum modernen Geburtstag noch das Wichtigste: die Idee eines Subjekts, das für sich selbst genommen wichtig genug ist, um seine bloße Existenz zu feiern. Wer Macht, Titel und Reichtümer zu verteilen hatte, interessierte sich schon wegen der Erbfolge auch im Mittelalter für Geburtstage. In der Renaissance kam mit der Astronomie auch die Astrologie wieder zu Ehren, und auch für diese Kunst war die Kenntnis des Geburtstags unerlässlich.

          Gefeiert wurde er deshalb noch lange nicht, denn der Kirche waren Geburtstage eher unheimlich, so Heidenreich. Kinder sollten nach Heiligen benannt und, in römischer Tradition, lieber der Heilige gefeiert werden als das Individuum, also der Namenstag, nicht der Geburtstag. Letztlich aber habe die Kirche ihre Schäfchen selbst auf die individualistische Spur gesetzt: Der Ablasshandel habe aus der Herde der Gläubigen individuelle Kunden gemacht, die für ihr Seelenheil – und den Bau des Petersdoms – erhebliche Summen zahlten: „Hier setzt sich genau jene Privatisierung in Gang, an deren Ende das private Fest des Geburtstags steht.“

          Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert verbreitetete sich das Geburtstagfeiern in allen Gesellschaftsschichten, so Heidenreich. Kuchen mit Kerzen zum Ausblasen waren von Beginn an dabei, die Geschenke, das Gratulieren oder die in Vergessenheit geratenen Geburtstagsgedichte wurden aus allen möglichen Quellen genommen. Die römische Tradition der Geburtstagfeiern habe definitiv zu lange zurückgelegen, um noch Anknüpfungspunkte zu bieten. Lediglich der Drang, mit möglichst aufwendigen Festen zu zeigen, was man hat, lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen.

          Nachdenkliche Parallelen

          Allzu laute und auffällige Geburtstagsfeiern waren auch der weltlichen Obrigkeit allerdings noch lange verdächtig. Nachdem Zeitungen 1826 über die Geburtstagsparty G.W.F. Hegels berichtet hatten, des Philosophen, der das Selbst als „absolutes Wesen“ feierte, pfiff der preußische König die Presse persönlich zurück: Es sei unschicklich, wenn dergleichen Aufsätze Platz in den Zeitungen fänden, als ginge es um königliche Familienfeiern. Dahinter mag die Sorge gestanden haben, ein zu selbstbewusstes Subjekt könne aufhören, sich als Untertan zu begreifen, mutmaßt der Autor.

          Heidenreichs Buch zeigt flott und ein bisschen spöttisch, wie seltsam die Sitte, sich einmal im Jahr selbst zu feiern, genaugenommen ist. Es rückt einige Wissensfragmente zurecht – A.D. hieß zuerst Anno Diocletiani, nach dem römischen Kaiser, der die Verwaltung umorganisierte – und berichtet von vergessenen Traditionen wie dem „Würgen“ und dem „Binden“, mit dem das Geburtstagskind genötigt wurde, sich mit Speis und Trank für die Gäste „auszulösen“.

          Der Autor zieht nachdenkliche Parallelen zwischen den alten Gesellschaften und der unseren – mit Rom verbindet uns demnach die ausgeprägte soziale Ungleichheit und mit dem Polytheismus die digitale Verdoppelung der Welt – und fragt nach der Zukunft: Wie werden die digitalen Medien und die Datenflut, in der der Geburtstag nur ein Datenpunkt unter vielen ist, dieses Fest verändern? Was wird aus der Feier des autonomen Individuums, wenn es beginnt, sich mehr als Punkt in einem Netzwerk zu begreifen?

          Die Suche nach Anerkennung wird uns erhalten bleiben, prognostiziert der Autor, und diese Anerkennung finde man am besten unter Freunden. Die Abkehr vom selbstbezüglichen Subjekt werde dem Geburtstagsfest daher nicht schaden. Das kommt nach seiner Rekonstruktion des Geburtstags als Fest des erwachten Subjekts ein wenig überraschend. Ein ideales Geburtstagsgeschenk ist dieses so unterhaltsame wie lehrreiche Buch trotzdem.

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