https://www.faz.net/-gr3-9a1pn

Warum feiern wir Geburtstage? : Wie schön, dass du geboren bist

  • -Aktualisiert am

Gefeiert wurde er deshalb noch lange nicht, denn der Kirche waren Geburtstage eher unheimlich, so Heidenreich. Kinder sollten nach Heiligen benannt und, in römischer Tradition, lieber der Heilige gefeiert werden als das Individuum, also der Namenstag, nicht der Geburtstag. Letztlich aber habe die Kirche ihre Schäfchen selbst auf die individualistische Spur gesetzt: Der Ablasshandel habe aus der Herde der Gläubigen individuelle Kunden gemacht, die für ihr Seelenheil – und den Bau des Petersdoms – erhebliche Summen zahlten: „Hier setzt sich genau jene Privatisierung in Gang, an deren Ende das private Fest des Geburtstags steht.“

Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert verbreitetete sich das Geburtstagfeiern in allen Gesellschaftsschichten, so Heidenreich. Kuchen mit Kerzen zum Ausblasen waren von Beginn an dabei, die Geschenke, das Gratulieren oder die in Vergessenheit geratenen Geburtstagsgedichte wurden aus allen möglichen Quellen genommen. Die römische Tradition der Geburtstagfeiern habe definitiv zu lange zurückgelegen, um noch Anknüpfungspunkte zu bieten. Lediglich der Drang, mit möglichst aufwendigen Festen zu zeigen, was man hat, lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen.

Nachdenkliche Parallelen

Allzu laute und auffällige Geburtstagsfeiern waren auch der weltlichen Obrigkeit allerdings noch lange verdächtig. Nachdem Zeitungen 1826 über die Geburtstagsparty G.W.F. Hegels berichtet hatten, des Philosophen, der das Selbst als „absolutes Wesen“ feierte, pfiff der preußische König die Presse persönlich zurück: Es sei unschicklich, wenn dergleichen Aufsätze Platz in den Zeitungen fänden, als ginge es um königliche Familienfeiern. Dahinter mag die Sorge gestanden haben, ein zu selbstbewusstes Subjekt könne aufhören, sich als Untertan zu begreifen, mutmaßt der Autor.

Heidenreichs Buch zeigt flott und ein bisschen spöttisch, wie seltsam die Sitte, sich einmal im Jahr selbst zu feiern, genaugenommen ist. Es rückt einige Wissensfragmente zurecht – A.D. hieß zuerst Anno Diocletiani, nach dem römischen Kaiser, der die Verwaltung umorganisierte – und berichtet von vergessenen Traditionen wie dem „Würgen“ und dem „Binden“, mit dem das Geburtstagskind genötigt wurde, sich mit Speis und Trank für die Gäste „auszulösen“.

Der Autor zieht nachdenkliche Parallelen zwischen den alten Gesellschaften und der unseren – mit Rom verbindet uns demnach die ausgeprägte soziale Ungleichheit und mit dem Polytheismus die digitale Verdoppelung der Welt – und fragt nach der Zukunft: Wie werden die digitalen Medien und die Datenflut, in der der Geburtstag nur ein Datenpunkt unter vielen ist, dieses Fest verändern? Was wird aus der Feier des autonomen Individuums, wenn es beginnt, sich mehr als Punkt in einem Netzwerk zu begreifen?

Die Suche nach Anerkennung wird uns erhalten bleiben, prognostiziert der Autor, und diese Anerkennung finde man am besten unter Freunden. Die Abkehr vom selbstbezüglichen Subjekt werde dem Geburtstagsfest daher nicht schaden. Das kommt nach seiner Rekonstruktion des Geburtstags als Fest des erwachten Subjekts ein wenig überraschend. Ein ideales Geburtstagsgeschenk ist dieses so unterhaltsame wie lehrreiche Buch trotzdem.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Große Koalition erzielt in der Nacht auf Montag einen Kompromiss bei der Grundsteuer (Archivbild von Angela Merkel (CDU) und Olaf Scholz (SPD)).

Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

Schon beim ersten Koalitionsausschuss mit neuer Besetzung erzielt die Bundesregierung einen Kompromiss. Ist das Ausdruck einer neuen Handlungsfähigkeit? Etliche Streitpunkte können jedenfalls nicht gelöst werden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.