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: Warum eigentlich nicht ich?

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"Wir wollten an die Körper." Es spricht nicht Igor, Frankensteins Assistent, sondern der Regierende Bürgermeister Berlins. Klaus Wowereit erklärt so im Kapitel über seine Gymnasialzeit die Funktion eines Hobbykellers, der sich beim Engtanzen mittels Schwarzlicht in eine Dunkelkammer verwandeln ließ.

          "Wir wollten an die Körper." Es spricht nicht Igor, Frankensteins Assistent, sondern der Regierende Bürgermeister Berlins. Klaus Wowereit erklärt so im Kapitel über seine Gymnasialzeit die Funktion eines Hobbykellers, der sich beim Engtanzen mittels Schwarzlicht in eine Dunkelkammer verwandeln ließ. Selbst die feinsten Anwaltssöhne hätten sich der anonymen Permissivität im schwarzen Augenblick nicht entziehen können, freut er sich, darum waren die Partys bei Wowereits in Lichtenrade so beliebt. So ist das ganze Buch: Wowereit und sein Schreiber Hajo Schumacher suchen nicht erst nach einer literarischen Form zur Beschreibung der ersten sentimental-erotischen Abenteuer, sie schildern dem Leser auch keine Figur, der die erste Liebe Wowereits gegolten hätte, das Gefuchtel im Dunkeln wird nicht zum Anlass einer humorvollen und selbstironischen Coming-of-Age-Betrachtung genommen, stattdessen dieser Satz: "Wir wollten an die Körper."

          Darum ist dieses Buch so seltsam: Obwohl so viel vom Willen des Klaus Wowereit die Rede ist, vom Willen zum sozialen Aufstieg, zur Anerkennung, zum familiären Zusammenhalt, zur Liebe, zum Glück, hat man nach der Lektüre kaum einen Schimmer davon, was er über seine persönliche Gratifikation hinaus will, wozu er das will beziehungsweise warum wir wollen sollen, was Wowereit will.

          Warum Wowereit etwas, viel, alles Mögliche will, das wird allerdings mehr als deutlich. Man liest die vielen, vielen Seiten über die eigentliche Protagonistin des Buches, Wowereits Mutter Hertha Grüner, mit bald amüsierter, bald bestürzter Faszination. Die Arbeiterin verstand es nicht nur, mit einem Minimum an Geld ein Maximum an Lebensqualität zu schaffen, sondern verfügte nach der Schilderung ihres Sohnes auch über eine bemerkenswerte soziale Intelligenz: Kein Fest durfte ausgelassen werden, der Garten wurde zu einer Quelle saisonaler Geschenke für Lehrer und Nachbarn, die Pflege von Freundschaften und Verwandtschaftsbeziehungen stand im Zentrum des Lebens. Ihr von harter körperlicher Arbeit und allzu vielen Schicksalsschlägen geprägtes Leben ist der rote Faden des Buches, denn nur Klaus, der jüngste Sohn, kam in die Lage, ihren Auftrag zum sozialen Aufstieg, es einmal besser zu haben, zu erfüllen, und es ist dieser Auftrag, der ihn bis heute antreibt. Er bezieht seine beträchtliche Energie aus der Erfahrung sozialer Ausgrenzung und alltäglicher Demütigung, sein Aufstieg folgt keinem expliziten Plan oder Programm als vielmehr der Logik der Gegenfrage: Und warum eigentlich nicht ich?

          Von Politik ist in dem Buch zwar oft die Rede, aber in demselben fragmentarischen, bisweilen kruden Stil, mit dem auch die Hobbykellerabende geschildert werden. Über Helmut Kohl und seine Regierungszeit findet sich eine überraschend aggressive Passage: Kohl habe nicht nur das Ansehen des Landes und der Politik beschädigt; in seiner Bundesregierung "marodierten uninspirierte Verwaltungskräfte, denen die Zukunft ihres Landes völlig gleichgültig war". Auch wer nie im Leben Kohl gewählt hat, wird hier doch zu seiner Verteidigung anmerken, dass zumindest der Gedanke der Einheit Europas und der deutsch-französischen Freundschaft weder Kohl noch dem Land gleichgültig waren, sondern ziemlich segensreich.

          Aber diese kurzen Sätze sind nichts im Vergleich zu dem, was die SPD abbekommt. Wowereits Buch wurde in ersten Pressestimmen als Bewerbung um eine führende Position in der schwächelnden Partei wahrgenommen. Wenn dem so wäre, hätten wir hier den ersten Fall von politischem Sadomaso-Marketing: Außer der fernen Bewunderung für Willy Brandt beschreibt Wowereit gar keine schönen Momente mit seiner Partei. Dort ist alles Grabenkrieg, Verrat und Stress. Er habe, schreibt Wowereit, während der innerparteilichen Kriege in den Berliner Bezirken ein Stahlbad überstanden, so dass seine Nerven heute bemerkenswert stabil seien und er kaum noch durch irgendwelche Tricks zu beeindrucken sei.

          Wowereit beschreibt sich gerne als harten Hund, als Vollprofi der Politik und der Bürokratie, was auf eigenartige Weise damit kontrastiert, dass ihn das Publikum mit zwei eher peinlichen Auftritten in der politischen Arena assoziiert, der Bundesratssitzung zum Zuwanderungsgesetz und seiner zweiten Wahl zum Regierenden, wo Wowi nicht nervenstark, sondern fahrig und erschüttert wirkte.

          Andere SPD-Politiker kommen nur in kursorischen Beschreibungen vor, vor allem aber ist ihm der politische Alltag in der Partei, also der eigentliche vitale Kern des Parteilebens, zuwider. Zu Recht bemängelt Wowereit Defizite bei Forschung und Bildung, aber kein Leser assoziiert seinen Namen mit besonders prononcierten Initiativen auf diesen Politikfeldern. Wowereit betont brav, wie wichtig Kultur ist, aber seine Referenzen auf diesem Gebiet sind spärlich, dafür ehrlich: Er schwärmt für die "Lindenstraße".

          Man denkt bei Wowereit an den titelgebenden Satz und kaum an Politik. Das kann, so wird nach der Lektüre klar, ihm nur recht sein. Er möchte seinen Aufstieg an die Bundesspitze, den er will, wie er an die Körper wollte, nach dem Muster von Angela Merkel bewerkstelligen: ohne Hausmacht, aber eben ohne Lagerverpflichtung, per Überraschungscoup an die Spitze. Völlig irreführend ist der Untertitel des Buches: Wowereit lebt sein Leben nicht für die Politik. Er, der lange Jahre seine krebskranke Mutter pflegte, der mit Tod, Krankheit, Armut, Ausgrenzung und Einsamkeit zu kämpfen hatte, ist süchtig nach Leben und sucht in der Politik eine extreme Form von Vitalität - was ihr übrigens auch nichts schaden kann.

          NILS MINKMAR

          Klaus Wowereit mit Hajo Schumacher: "Und das ist auch gut so". Mein Leben für die Politik. Karl Blessing Verlag, München 2007. 288 S., geb., 19,95 [Euro].

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