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: Warten auf das Wunder

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Über Armut wird viel geredet. An Meinungen, Forderungen und Modellen mangelt es nicht. Aber es fehlt ein Verständnis dafür, was es heißt, in Armut zu leben. Denn in den unzähligen Debatten kommen allein die mehr oder weniger wohlmeinenden Experten zu Wort, nicht aber die Armen selbst. Sie reden nicht. Über sie wird geredet.

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          Über Armut wird viel geredet. An Meinungen, Forderungen und Modellen mangelt es nicht. Aber es fehlt ein Verständnis dafür, was es heißt, in Armut zu leben. Denn in den unzähligen Debatten kommen allein die mehr oder weniger wohlmeinenden Experten zu Wort, nicht aber die Armen selbst. Sie reden nicht. Über sie wird geredet. Und das ist schon ein wesentlicher Teil des Problems. Eine kleine, kluge Studie möchte dem entgegenwirken. Ein Team des Sozialwissenschaftlichen Instituts der evangelischen Kirche hat im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg Gruppendiskussionen mit Betroffenen geführt. Was diese älteren Frauen, Migranten, Langzeitarbeitslosen und 1-Euro-Jobber zu sagen haben, passt in keines der üblichen Schemata und löst eine dringend benötigte Irritation aus (Claudia Schulz: "Ausgegrenzt und abgefunden?" Innenansichten der Armut. Lit-Verlag, Hamburg 2008. 191 S., br., 19,90 [Euro]).

          Es ist klar: Zum einen ist der alte Sozialstaat nicht mehr zu finanzieren, zum anderen hat die bisherige Versorgungspolitik nicht nur positiv gewirkt. Schon deshalb geht es um das Paradigma der Teilhabe, nicht der Versorgung. Gerechte Teilhabe zielt darauf, die von Armut Betroffenen so zu fördern und zu fordern, dass sie zu aktiven Gliedern der Gesellschaft werden. Denn Teilhabe betrifft nicht zuletzt die Art, wie über Armut gesprochen wird - so nämlich, dass die Armen sich an der Debatte beteiligen.

          Wilhelmsburg ist ein gut gewähltes Forschungsfeld. Hier gibt es viel Not, aber auch viel Potential. Die Bevölkerung identifiziert sich sehr mit ihrem Viertel, das sich aber schon bald stark verändern wird. Das Projekt "HafenCity" hat die Elbinsel endlich wieder ins städtische Blickfeld gerückt. Hinzu kommen die Internationale Bauausstellung (IBA) und die Internationale Gartenschau (IGS), die dem Stadtteil bis 2013 zu neuer Blüte verhelfen sollen. Aber noch gibt es viel Armut in Wilhelmsburg, und sie manifestiert sich weniger in Hunger oder Kälte als in einem Mangel an elementarer Teilhabe. In der Studie erzählen alte Frauen, wie ihnen die eigene Wohnung zum Gefängnis wurde. Sie gehen nicht mehr raus, weil sie meinen, kein Recht zu haben, sich in öffentlichen Räumen aufzuhalten. Eine Rentnerin klagte: "Man vegetiert in seinen vier Wänden. Du kannst nirgends hin. Dann siehst du was. Das kostet Eintritt. Dann kostet das Fahrgeld. Für uns ist nichts mehr."

          Um am öffentlichen Leben teilzuhaben, braucht man Geld und Arbeit. Bildung wäre ein Weg dahin. Es ist erstaunlich, wie hoch die Befragten den Wert von Bildung ansetzen, allerdings nur für die eigenen Kinder. Für sich selbst sehen sie keine Chance, über Bildung mehr Teilhabe zu gewinnen. Welche Chancen sehen sie überhaupt? In den Gesprächen wurden sie auch nach ihren Träumen befragt: "Stellen Sie sich vor, über Nacht ist ein Wunder geschehen. Wie sieht Ihre Welt dann aus?" Diese Frage löst Abwehr aus: "Och nee. Ich weigere mich. Das möchte ich nicht. Außerdem würde ich's mir sehr viel schwerer machen, wenn ich mir jetzt vorstellen würde, was morgen früh eventuell sein könnte. Was dann doch nicht eintritt." Lieber hielten sich die Befragten an feste Erfahrungssätze wie "Es gibt keine Arbeit!" oder "Frauen, die Kinder haben, bekommen keine Arbeit". Diese wieder und wieder vorgebrachten Formeln ergeben ein regelrechtes Mantra der Hoffnungslosigkeit, mit dem man sich gegen neue Enttäuschungen, aber auch gegen eigene Träume abschirmt.

          In der verstörendsten Passage der Studie erzählt die dreißigjährige Nicole, wie sie es trotzdem mit Ausbildung und Arbeitssuche versucht: "Ich denk auch, Nicole, du bist noch jung, dass du vielleicht noch gewisse Chancen hast, und nehme das denn an. Dann hab ich mir selber einen Job gesucht. Und hab mir gedacht, diesmal hältst du's durch, Nicole. Wenn man sich bemüht, kriegt man schon Arbeit." Sofort kippt die Stimmung in der Gruppe ins Aggressive. Die anderen Frauen schließen sich zusammen und sammeln alle möglichen Gegenargumente, um Nicole zu widerlegen. Wie im Chor rufen sie: "Keine Chance!" Die armen Frauen bilden eine Solidargemeinschaft. Das ist ein hohes Gut. Problematisch aber ist, wie sie sich gegenseitig in ihrer Ausweglosigkeit halten. Wer den Ausbruch wagt, wird zur Abtrünnigen und bekämpft. Menschen erleiden ihr Schicksal ja nicht nur, sie schreiben ihm auch einen Sinn zu. So betonen diese Frauen, dass es gar keinen Ausweg aus ihrer Lage geben kann. Das schützt sie vor Gefühlen der Schuld und des Versagens. Aber es hindert sie auch daran, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Ausgrenzung trifft diese Frauen nicht nur von außen, sondern sie befördern sie auch selbst.

          Die Wilhelmsburger Studie will nicht das Klischee bedienen, dass die Armen selbst an ihrer Not schuld wären, sondern einen Einblick in die psychischen Folgen langer Ausgrenzung gewähren. Dabei zeigt sie, dass Teilhabe nicht nur eine Verheißung, sondern auch eine Zumutung ist. Bauausstellung und Gartenschau - oder das "Blumendings", wie man in Wilhelmsburg sagt - könnten helfen, die Isolation der Elbinsel aufzulösen, andere Menschen und neue Möglichkeiten hereinzuholen. Wilhelmsburg hat eine Chance. Allerdings nur, wenn die von Armut Betroffenen an ihr teilhaben. Dazu aber müsste man sie mitreden lassen.

          JOHANN HINRICH CLAUSSEN

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