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Walter Jens: Reden zum Sport : Er hat mehr Fußballweisheit als die Fifa

Sport war für den großen Rhetor Walter Jens ein entschiedenes Politikum. Das dokumentieren seine gesammelten „Reden zum Sport“. Es ist schön, dass mit dem schmalen Band noch einmal der Redner hervortritt, der uns verloren ist.

          Als Walter Jens 1976 die erste, höchst erfolgreiche Sammlung seiner Ansprachen, Vorträge und Aufsätze publizierte, nannte er sie „Republikanische Reden“. Damit war der Anspruch klar: Hier trat ein Rhetor auf - Jens hatte seit 1963 den einzigen deutschen Lehrstuhl für Rhetorik inne -, der sein Können in den Dienst des Politischen stellte. Notabene: nicht der Politik, obwohl der Tübinger Gelehrte gern und offen Partei nahm, sondern dessen, was die Polis, die öffentlichen Angelegenheiten, betrifft. Es war eines seiner erklärten Ziele, „das scheinbar Selbstverständliche zu problematisieren und die vertrauten Muster in Frage zu stellen“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zum Allerselbstverständlichsten und -vertrautesten gehört der Sport. Und so fanden sich in den „Republikanischen Reden“ auch mehrere Stellungnahmen von Walter Jens zum Fußball, seiner Lieblingssportart, die er selbst als Asthmatiker früh hatte aufgeben müssen. Und wenn es einen Satz von Jens gibt, der ungeachtet aller seiner tagesaktuell wie sub specie aeternitatis getätigten Maximen, Einwürfe und Sentenzen Bestand in den Erinnerungen seiner Leser haben wird, dann ist es dieser aus einer Liebeserklärung an die legendäre Hamburger Fußballmannschaft des TV Eimsbüttel aus den dreißiger Jahren, als Jens jung war: „Wenn ich den letzten Goethe-Vers vergessen habe, werde ich den Eimsbütteler Sturm noch aufzählen können.“ Was könnte ein Homme de lettres mehr sagen, um seine Faszination für den Sport deutlich zu machen?

          Eine Redefluss der Betörung

          Jens schrieb diesen Satz 1974, und der Aufsatz, dem er entstammt, findet sich nun auch in dem Buch „Reden zum Sport“, das seine Universitätskollegen vom Tübinger Institut für Sportwissenschaft zum achtzigsten Geburtstag des Rhetors vor sechs Jahren herausgeben wollten. Dann verzögerte sich die Sache, und Walter Jens wurde krank. Und weil mittlerweile alle um seine Demenz wissen, liest sich die Beschwörung der Erinnerung an den TV Eimsbüttel heute, da das Buch mit Hilfe von Inge Jens endlich erschienen ist, gespenstisch. Ein Walter Jens ohne Wissen um Goethe-Verse war bereits undenkbar - das machte den rhetorischen Kniff der knappen Formulierung aus. Aber soll er nun auch die Namen der Sturmreihe seines Lieblingsvereins nicht mehr kennen?

          Es ist schön, dass mit dem schmalen Band noch einmal der Redner hervortritt, der uns verloren ist. Die fünf darin enthaltenen Ansprachen, die Jens anlässlich von Jubiläen, Tagungen und sportpolitisch aktuellen Fragen gehalten hat, sind mustergültige Beispiele seines ausschweifenden Stils, der sich schriftlich nicht leicht liest, aber im Vortrag selbst durch die markante Betonung einen Fluss bekam, der etwas Beschwörendes hatte. Die von Jens begründete Tübinger Schule der Rhetorik beruht auf minutiöser Vorbereitung einer Rede; Stegreifvortrag war seine Sache nicht. Gekonnt hätte er es, aber der Anspruch an den Redeschmuck war zu hoch: Jens maß sich in seinen Ansprachen unausgesprochen mit der rhetorischen Tradition aus zwei Jahrtausenden, die er kannte wie kein anderer.

          Vom Forschen nach Er- und Bekenntnissen

          Das zeigte sich speziell bei Themen, die beiläufig erscheinen mochten, aber von Jens in den Rang eines „Politikums“ erhoben wurden. Da lief er zu besonderer Form auf. Und Sport, das kann man in allen Beiträgen des Büchleins überprüfen, war ihm ein entschiedenes Politikum. Jens gehörte zu jenen bundesdeutschen Intellektuellen, die sich angesichts der jüngeren deutschen Geschichte zu Mahnern berufen sahen - deshalb der Schock und auch der Spott, als ihm wie dem in dieser Rolle so verwandten Günter Grass jeweils Mitgliedschaften in NS-Organisationen nachgewiesen wurden. Es ist schade, dass die Herausgeber Helmut Digel und Ommo Grupe sich tatsächlich auf „Reden zum Sport“ beschränkt haben, denn in einer davon berichtet Jens von einem Vortrag über Thomas Mann, den er in seiner Freiburger Studentenzeit im Zweiten Weltkrieg vor dem Akademischen Turnbund (ATB) gehalten hat und dessen Manuskript er vierzig Jahre später dem ATB-Archiv übereignete. Dieses Plädoyer für Thomas Mann aus der Feder des jungen Jens - des, wie er selbst es nennt, „Abseitsstehenden im Nationalsozialismus“, der wenig später der NSDAP beitrat - wäre spannend zu lesen, auch wenn es nur mittelbar mit Sport zu tun hat.

          Was bei der Konzeption vor wenigen Jahren noch eine bloße Hommage an den Sportliebhaber und -kenner Walter Jens war, ist also im Laufe der traurigen letzten Jahre zu einem Buch geworden, das man auch nach Er- und Bekenntnissen von Jens selbst durchforscht. Dass der Gelehrte „mehr Fußballweisheit als die ganze Fifa“ besitzt, wie der damalige NOK-Präsident Willi Daume ihm 1988 bescheinigte, mag gestimmt haben, aber an den sportpolitischen Stellungnahmen von Jens hat doch die Zeit etwas genagt - besonders im Falle der zehn den „Momos“-Fernsehkolumnen in der „Zeit“ entnommenen Texte, die im Buch zu finden sind.

          Eine heute nahezu undenkbare Selbstsicherheit

          Was bleibt, ist der Eindruck einer Selbstsicherheit, die heute nahezu undenkbar ist. War Walter Jens mit sich im Reinen, oder zwang er sich zu dieser Haltung, weil nur der überzeugte Redner auch überzeugend ist? Ich neige immer noch zur ersten Deutung. Und hoffe, dass Jens heute, nachdem die Goethe-Verse verloren sind, auf die Frage nach der Sturmreihe des TV Eimsbüttel doch noch so präzise antworten kann wie 1990 im Gespräch mit der „Stuttgarter Zeitung“, das auch im Band zu finden ist: „Ahlers, Panse, Rohwedder, Muhr und Maack.“ Was wüssten wir von ihnen - ohne Walter Jens?

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