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Walter Isaacson: Steve Jobs : Auch sein letztes Ding ist bereits Kult

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Dieser Mann wusste, dass Produkte mit perfekter Anmutung notfalls auch gegen bequeme Käufer durchzusetzen sind: Walter Isaacson erzählt das Leben von Steve Jobs.

          3 Min.

          Steve Jobs ist tot. Eine seiner letzten Handlungen war die Auswahl einer Reihe von Bildern für seinen Biografen Walter Isaacsson und die Gestaltung des Buchumschlages. Das Buch wollte Jobs selbst niemals lesen. Es sollte nach seiner Vorstellung ein Buch für seine Kinder sein, für später. „Ich wollte, dass meine Kinder mich kennen . . . dass sie verstehen, was ich getan habe“, heißt es an einer Stelle, nur um dann in einer für Jobs typischen Weise gleich ins große Ganze abzudriften: „Also wollte ich sichergehen, dass jemand hört, was ich zu sagen habe.“

          Jobs wählte persönlich seinen Biografen aus. Walter Isaacson, der Biografien über Henry Kissinger, Benjamin Franklin und Albert Einstein verfasst hatte, sollte es sein. Isaacson führte in achtzehn Monaten rund vierzig Interviews mit Jobs, bis kurz vor dessen Tod. Jobs wurde zunehmend aufgeschlossener und ließ am Ende sehr persönliche Fragen zu, die Journalisten früher strikt untersagt waren.

          Es ist mehr Jobs als Isaacson

          Isaacson unterhielt sich zudem mit über hundert Freunden, Verwandten und Feinden von Jobs. In diesen Gesprächen wird Jobs nicht sonderlich sympathisch geschildert. Dennoch schafft es die Biografie, ein Bild des Besessenen zu präsentieren: Willkommen im „Reality Distortion Field“ von Steve Jobs, der verzerrten, mitunter verdrängten Realitätswahrnehmung.

          Es ist eine je nach Bedarf verschobene Sichtweise auf die Realität, wie sie Steve Jobs meisterhaft beherrschte und auch anderen Menschen aufzuprägen wusste. Das Buch schildert nicht nur geniale Design-Entscheidungen des Apple-Gründers, sondern auch, wie Jobs über Monate hinweg das Drängen seiner Ärzte, sich einer Operation wegen seiner Kresbserkrankung zu unterziehen, einfach ignorierte. Auch Walter Isaacson ist dieser kunstvollen Variante der Realitätsverleugnung zum Opfer gefallen. Katastrophale Fehlentscheidungen wie die von Jobs angeordnete Inkompatibilität von Apple III und Apple Lisa zum Vorläufer Apple II werden nicht behandelt. Man kann das auch als Stärke des Buchs ansehen: Es ist mehr Jobs als Isaacson.

          Nichts darf die perfekte Anmutung stören

          Ausführlicher als in den bisher erschienenen zwanzig Büchern über Jobs und seine Firmen Apple, Pixar und NeXT werden Kindheit und Jugend geschildert als Zeit, die den bei Adoptiveltern aufwachsenden Jobs stark prägten. Der handwerkliche Perfektionismus seines Vaters, die stundenlangen Meditationen, Jobs Übungen im Menschen-Niederstarren, eine bis zur körperlichen Schädigung gehende asketische Lebensführung - alles erzählt von der Entwicklung eines Exzentrikers, der genau wie Bill Gates zur richtigen Zeit an der Stelle ist, als in Silicon Valley eine neue Industrie entsteht. Während Gates programmieren kann, weiß Jobs zu organisieren und zu verkaufen. Die genialen Entwürfe für den Personal Computer liefert sein Freund Steve Wozniak. Noch viele Jahre nach der Einführung des Apple Macintosh mit seiner grafischen Oberfläche war der von Wozniak entwickelte Apple II die „Cash Cow“ des Unternehmens.

          Ob Apple II, ob Macintosh oder später iPod, iPhone und iPad, die wichtige Rolle von Jobs als Tüftler, der auch ein zu neunzig Prozent perfektes Gerät in der anlaufenden Produktion stoppt, kommt gut zum Ausdruck. Er ist immer bereit, die letzte Meile zu gehen, wo andere Firmenchefs achselzuckend ihre Produkte auf den Markt werfen. Nichts darf die perfekte Anmutung stören, schon gar nicht der Käufer. Der Aufwand, den Jobs treibt, damit der Marmor in den Apple Stores exakt den florentinischen Bürgersteigen der Renaissance entspricht, wird von Isaacson ganz unironisch mit dem Bau von Kathedralen verglichen. Apple ist Glauben. Diese Besessenheit zieht sich bis ins Privatleben. Als Jobs schließlich doch operiert wird, möchte er zuvor die verschiedenen Atemmasken sehen und macht Vorschläge für ein besseres Design der Versorgungsschläuche.

          Manche Updates wären nötig gewesen

          Das Buch ist in der Gemeinde der Apple-Fans bereits Kult geworden. Man fotografiert sich mit „der weißen Bibel“ und twittert die Fotos. In China sollen mehr als eine Million Exemplare verkauft worden sein. In den Vereinigten Staaten zeigt derzeit die unabhängige Kinokette Landmark Theatres das „Lost Interview“ mit Steve Jobs, welches Mark Stephens, Apples Angestellter Nummer 12, mit Jobs für den Film „Triumph of the Nerds“ führte. Kinogänger sollen dabei mit dem Buch winken. Ausgerechnet der massive Ziegel Papier und nicht die elektronischen Ausgaben steht im Mittelpunkt. Nun soll das Buch verfilmt werden, Aaron Sorkin (“The Social Network“) hat den Auftrag übernommen, aus Isaacsons Material eine filmtaugliche Geschichte zu stricken. Für Jobs, der als letztes großes Projekt die Zerschlagung der gesamten Schulbuchbranche mit Hilfe des iPad plante, wäre dies ein Anlass zum Grinsen und ein guter Punkt für seinen Satz: „One more thing“. Mit ihm leitete Jobs in seinen Produktpräsentationen die Vorstellung der jeweils nächsten Sensation ein. Das von ihm designte Buch ist sein letztes Ding.

          Die deutsche Ausgabe ist ein Schnellschuss. Das gilt nicht nur für den Umschlag, der die Vorgaben von Steve Jobs ignoriert und auf der Rückseite ein Zitat von Barack Obama einfügt. Im Buch kanzelt ihn Jobs als Präsidenten ab, der nicht einmal für eine Amtszeit ausreichend Rückgrat hat. Sechs Übersetzer haben im Akkord gearbeitet und dabei viel Unsinn von „nervenaufreibender historischer Resonanz“ produziert. Das beginnt bei der Einleitung über ein „Tal, das gerade lernte, wie man Silikon in Gold verwandelt“, einem Klassiker zum Silicon Valley. Es setzt sich fort in Kapitelüberschriften wie „Prometheus ist frei“, wo sich im Original der entfesselte Prometheus Steve Jobs in seiner neuen Computerfirma NeXT austobt - und sie konsequent ruiniert. Dass „third parties developers“ mitnichten drei große Entwicklungsunternehmen sind, die Apple ständig zugesetzt haben, wäre auch ein kleines Update wert.

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