https://www.faz.net/-gr3-6w7ss

Walter Boehlich: Die Antwort ist das Unglück : Der Kritik ist jedes erdenkliche Recht einzuräumen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Streng der Blick und scharf die Formulierungen: Ein Band mit ausgewählten Essays, Rezensionen und Polemiken des vor fünf Jahren verstorbenen Walter Boehlich.

          4 Min.

          Er war elf Jahre lang Cheflektor bei Suhrkamp und gründete später den ersten deutschen Verlag auf genossenschaftlicher Basis. Er empfahl seinen Lesern Gabriel García Marquéz, Vargas Llosa und Ramón del Valle-Inclán. Er übersetzte Virginia Woolf, Marguerite Duras und Karen Blixen aus dem Englischen, Französischen und aus dem Dänischen. Er war politischer Kolumnist bei der Titanic, einer der strengsten Literaturkritiker seiner Generation, zudem Schüler und geistiger Nachlassverwalter des Romanisten Ernst Robert Curtius. Der 1921 in Breslau geborene Walter Boehlich war das, was man eine Kapazität nennt. Dennoch erinnern sich heute meist nur unmittelbare Wegbegleiter an den 2006 Verstorbenen.

          Das mag mindestens zwei Gründe haben. Zum einen hat der unermüdlich in der zeitgenössischen Presse, auch in dieser Zeitung, publizierende Boehlich kein geschlossenes Werk hinterlassen - ein Werk, das in seiner Bündigkeit für den Nachruhm bestimmt gewesen wäre. Zum anderen liegt es wohl an der so spektakulären wie folgenreichen Trennung vom frühen Suhrkamp Verlag. Boehlich, von Peter Suhrkamp aufgrund einer meisterlichen Rezension der neuen Proust-Übersetzung von Eva Rechel-Mertens persönlich eingestellt, verantwortete dort die heutigen Theorieklassiker der edition suhrkamp (Frankfurter Schule, Psychoanalyse und Literaturtheorie) ebenso wie die ruhmreiche „Sammlung Insel“. 1968 kam es aller inhaltlichen Progression zum Trotz zum Bruch mit der Verlagsführung.

          Die Regeln der Kritik

          An der Unternehmensspitze sitzt inzwischen nicht mehr Peter Suhrkamp, sondern Siegfried Unseld und pflegt einen äußerst erfolgreichen, jedoch charismatisch-autoritären Führungsstil. Das geht den meisten Lektoren gegen den Strich. Sie sind dem Geist von Achtundsechzig verpflichtet und fordern die Mitsprache in allen inhaltlichen und ökonomischen Entscheidungen. Kurz: Es kommt zum Aufstand, der Putsch scheitert unter anderem an juristischen Fragen, die oppositionellen Lektoren, darunter Walter Boehlich, Urs Widmer und Peter Urban, verlassen den Verlag, um einen neuen, den genossenschaftlich geführten „Verlag der Autoren“, zu gründen. Unseld, nachzulesen in seiner 2010 erschienenen Suhrkamp-Chronik, unterschreibt seine Briefe fortan mit „Dein Sieger“. Noch in der offiziellen Verlagsgeschichte von 1990 wird Walter Boehlich allenfalls als Randfigur abgehandelt, seine prägende Rolle für den Verlag wird übergangen.

          Nun ist Walter Boehlich seit fünf Jahren tot. Zu seinem neunzigsten Geburtstag hat der S. Fischer Verlag das längst Überfällige unternommen: Die Herausgabe seiner wichtigsten Essays, Kritiken und Polemiken. Mit dem Pamphlet „Kritik als Beruf“, verfasst 1950, beginnt der Band, mit Einlassungen zur deutschen Leitkultur 2001 endet er. Wer selbst nicht dabei gewesen ist, verspürt nie den Wunsch, etwas aus diesem Gelehrtenleben überblättern zu wollen.

          Im Gegenteil, bereits im ersten Beitrag wird man unsanft mit den Regeln der Kritik vertraut gemacht - und liest mit Faszination, wovor hier energisch gewarnt wird: Vor Georg Lukács und dessen marxistisch überformter Literaturtheorie: „Er müsste umso schärfer zurückgewiesen werden, je geistvoller er sich gibt.“ Vor Friedrich Sieburg und dessen restaurativem Literaturgeschmack: „Er hat keinen einzigen Autor entdeckt, solange der noch zu entdecken gewesen wäre.“ Vom historischen Augenblick heißt es gleichwohl: „Eine Zeit, die keine eigene Größe hervorbringt, ist nichts Ungewöhnliches, wohl aber ist eine Zeit verächtlich, die auch die Anschauung von Größe verliert.“

          Weitere Themen

          Stars und Sternchen in Baden-Baden Video-Seite öffnen

          Bambi-Verleihung : Stars und Sternchen in Baden-Baden

          Bei der 71. Bambi-Verleihung in Baden-Baden konnten sich Luise Heyer und Bjarne Mädel in den Kategorien Schauspiel National durchsetzen. Für Hollywood-Glamour sorgte Naomi Watts, die als Schauspielerin International ausgezeichnet wurde. Insgesamt wurden Preise in 17 Kategorien vergeben.

          Topmeldungen

          Bundesliga im Liveticker : 0:3 – Paderborn schießt den BVB ab

          Nach dem frühen Rückstand wird es von Minute zu Minute schlimmer für die Borussia: Erst erhöht Paderborn, kurz vor der Pause trifft der Aufsteiger zum dritten Mal. Kann sich Dortmund davon noch erholen? Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.