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Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte : Der Engel der Editionsphilologie muss so aussehen

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Bild: Verlag

Wie ein heiliger Text der Philosophie sich in ein Konvolut von Fragmenten auflöst: Walter Benjamins letzte Aufzeichnungen „Über den Begriff der Geschichte“ in einer kritischen Ausgabe.

          Es war einmal, doch das ist lange her, da glaubte man noch daran, dass es in der Philosophie so etwas wie einen heiligen Text geben könne. Walter Benjamins letzte Aufzeichnungen „Über den Begriff der Geschichte“, die „Geschichtsphilosophische Thesen“ genannt wurden, sind ein solcher Text. Benjamins hatte seine Thesen ausdrücklich nicht zum Druck bestimmt, nachdem sie dann jedoch 1943 aus dem Nachlass veröffentlicht waren, begannen sie eine Karriere, die ihren Höhepunkt in der Epoche der großen marxistischen Theoriebildungen der sechziger und siebziger Jahre erreichte. Die „ Thesen“, das war zugleich rätselhafte Orakelrede über Theologie und Engel wie auch Versprechen für die geschichtssprengende Kraft des „historischen Materialismus“, das waren lauter letzte Worte, mit denen die alte Geschichtsphilosophie an ihr Ende kam und ihr zugleich ein Neubeginn versprochen wurde.

          Und heute? Was ist geblieben von jenen kurzen Fragmenten, die mit der berühmten Parabel vom Schachautomaten und dem darin verborgenen buckligen Zwerg beginnen und enden mit der „kleinen Pforte, durch die der Messias treten konnte“? Man kann nicht umhin, in der neuen, kritischen Edition von „Über den Begriff der Geschichte“ so etwas wie einen unausweichlichen und in seiner Konsequenz geradezu symbolischen Akt zu sehen. Denn dieser Zentraltext abendländischer Geschichtsphilosophie, er ist verschwunden. Anstelle der zwanzig Thesen, die in der alten Gesamtausgabe zehn Seiten einnahmen, findet man nun sechs unfertige Fassungen in zwei Sprachen auf knapp über hundert Seiten; Handschriften und Faksimiles, Korrekturen, Streichungen, Varianten, dazu umfangreiche Materialien und Vorarbeiten, Notizen und Zettel. Aus dem emblematischen Schlusswort für Leben und Werk Benjamins und für die politischen Hoffnungen einer Epoche ist ein diffuser Komplex von Papieren geworden.

          Unabgeschlossene Gedankengänge

          Nichts ist auszusetzen an Gérard Raulets ausgezeichneter Edition, der bemerkenswerter Weise in Italien schon 1997 eine ähnliche von Gianfranco Bonola und Michele Ranchetti vorausging. Unbestreitbar ist die Schlussfolgerung, dass es unter den überlieferten Typo- und Manuskripten keine abgeschlossene oder auch nur eindeutig letzte Textstufe gibt. Anzweifeln kann man allein die Entscheidung, die deutlich kürzere französische Version einiger Thesen als gleichwertige Textfassung neben die fünf deutschen zu stellen; Benjamins Beherrschung des Französischen gab ihm dann doch nicht die gleiche begriffliche und metaphorische Sicherheit wie im Deutschen, und es ist offensichtlich, das manche inhaltliche oder stilistische Vereinfachung vor allem sprachlicher Unsicherheit geschuldet ist.

          Natürlich, der Charakter des Unvollendeten, Fragmentarischen von Benjamins „Thesen“ war auch in der alten Ausgabe dokumentiert, aber eben doch nur in philologischen Anhängen und Kommentaren. Doch die Neuausgabe verbietet bereits durch die editorische Anordnung, hier etwas anderes zu sehen als unabgeschlossene Gedankengänge im Zuge ihres Entstehens, Abbrechens, Voran- und Zurückschreitens. Dadurch wird es auch möglich, ja zwingend, die „Thesen“ herauszulösen aus den alten Deutungsdebatten: Im gleichen Augenblick, da die Deutungsmacht der sich „Historischer Materialismus“ nennenden Theorie zerfallen ist, hat sich auch einer ihrer heiligen Texte buchstäblich aufgelöst.

          Im Engelkleid

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