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Walter Benjamin: Einbahnstraße : Den Rhythmus schlägt der Sensenmann

          3 Min.

          Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption - so lautet ein bekannter Aphorismus aus Walter Benjamins „Einbahnstraße“. Dagegen kann man einwenden, dass gerade das Gegenteil zutrifft. Die Klage über die Fülle der Möglichkeiten, die nun, im vollendeten Werk, eingedämmt und zurückgedrängt sei, ist im schlechten Sinne romantisch. Vielmehr: Das Werk, wenn es gelingt, übertrifft die Konzeption um eine ganze Dimension, so wie die Wirklichkeit die reinen Möglichkeiten; das Reale ist nicht ärmer, sondern vielgestaltiger, rauher, reicher und überraschender als das Entworfene.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Aber ist vielleicht die kritische Edition die Totenmaske des Werks? Nur dann, wenn man einen sehr verblasenen Begriff der Wirkung hat. 1972, als sich der Geburtstag des Philosophen zum achtzigsten Mal jährte - und er also noch hätte leben können -, erschien der Band „Zur Aktualität Walter Benjamins“. Wer sich damals eher philologisch, will sagen: im Bewusstsein der Distanz mit dem Werk beschäftigte, musste sich bis in die Mitte der neunziger Jahre hinein fragen lassen, wie er es denn mit der Aktualität halte und welche politischen Gegenwartsmaximen er daraus abzuleiten gedenke. Nun, in der neuen Ausgabe, finden sich siebzig Seiten Text der originalen „Einbahnstraße“ in einem Band von mehr als sechshundert Seiten.

          Allerhöchstes Niveau

          Unweigerlich wird man dem Herausgeber eine übertriebene Vorstellung seiner Pflichten vorwerfen. Aber diese Ansicht ist falsch; Benjamin hätte wohl gesagt: banausisch. Man sieht hier Editionsphilologie - die mit Liebe zur Sache zu tun hat - auf allerhöchstem und wirklich erhellendem Niveau. Vergleichbares gibt bislang nur Günter Maschkes Ausgabe der Schriften Carl Schmitts unter dem Titel „Frieden oder Pazifismus“.

          Einer der ersten Gewinne, die man aus dieser Edition ziehen kann, ist die Lektüre der Kritiken, die nach dem Erscheinen der „Einbahnstraße“ durchaus nicht spärlich in der deutschen und europäischen Presse erschienen. Und verglichen mit dem Heiligenkult, der postum um Benjamin getrieben wurde, ist die Lebhaftigkeit der damaligen Auseinandersetzung sehr erfrischend. Der Literat Walther Petry etwa, an sich kein Verächter der Moderne, scheute 1928 einen Angriff ad hominem nicht: „Die Analogie zwischen Leben und Geist, die etwa der Artikel ,Nr. 13', der Bücher und Dirnen in widerwärtige Entsprechungen zwingt, aufzuzeigen versucht, eine Analogie, die durchgehends als Kuppelung den Aphorismen zwischengehangen ist, bleibt der starre mechanische Witz eines um wahre Bindung Verlegenen.“ Zugegeben: Die Schlusswendung klingt sehr nach dem von Adorno gegeißelten Jargon der Eigentlichkeit, aber sie weist auf einen fragwürdigen Aspekt des Werkes hin. Wie soll man die stete, ungemein gefühlsselige Rede über die geliebte Frau mit der Apotheose der Hure, einer Konstante in Benjamins Werk, zusammenlesen?

          Landschaft, Liebe, Tod

          Die Landschaft, die Geliebte und der Tod waren die Elemente, aus denen Benjamin sechzehn Jahre vor der „Einbahnstraße“ eine erste Poetik konzipierte. In der „Metaphysik der Jugend“ von 1912 hieß das anvisierte Buch „Das Tagebuch“, und in ihm ist die Zeit strukturbestimmend. „Dieser Gläubige“, hieß es damals, „schreibt sein Tagebuch. Und er schreibt es in Abständen und wird es nie beenden, denn er wird sterben.“ Auch die „Einbahnstraße“ wollte ein Buch sein, das die Zeit zum poetischen Prinzip machte, aber nun ganz ins Exoterische gewandelt.

          Kann das Sterben exoterisch werden? Liest man die Texte heute wieder, dann steht man betroffen vor der übermäßigen Präsenz des Todes, der Zeit in ihrer drohenden Form. „Im Traum nahm ich mir mit einem Gewehr das Leben. Als der Schuss fiel, erwachte ich nicht, sondern sah mich eine Weile als Leiche liegen. Dann erst wachte ich auf.“ Kein Leser wird davon absehen können, dass Benjamin auf der Flucht sich tatsächlich das Leben nahm. Aber es wäre eine psychologische Verkürzung, hier nur an das biographische Schicksal des Autors zu denken. Eher möchte man meinen, dass es um einen Gegenentwurf zur „Lebensphilosophie“ ging. Aber auch um eine Poetik, die den Text vom Bild des Todes her skandiert und rhythmisiert - von Reflexionen über Todesstrafe, Totenmaske, Totenkopf, Todesnachricht, Totenehrung und Tötung strotzt die „Einbahnstraße“ geradezu.

          Fragment von Fragmenten

          Für Bücher, die nicht wie Heideggers „Sein und Zeit“ zum Tode hin (irgendwann eintretend), sondern „vom Tode her“ (in jedem Moment sichtbar) geschrieben wurden, haben wir noch keinen poetischen Begriff. Natürlich liegt es nahe, dem Fragment, dem Abgebrochenen, einen hervorragenden Platz in einer solchen Poetik zu geben. Fragmentierung verstand Benjamin, der im zerstörerischen Grundimpuls des „destruktiven Charakters“ eine originäre Leistung feierte, als Verfahren eigenen Rechts. Fragment von Fragmenten blieb das anvisierte Hauptwerk „Pariser Passagen“.

          Zwischen Moskau und Paris liegt der geographische Raum dieses Buches, auch nach Süden hin ist er offen. Deutschland ist dagegen nur als ein latent schon feindlicher Raum fassbar, für den die Inflation das Zeitkolorit abgibt. Alles ziemlich unheimlich.

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