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„Das wilde Leben der Vögel“ : Langschläfer gibt es auch unter Frühaufstehern

  • -Aktualisiert am

1,8 Gramm Grandezza: Die Bienenelfe aus der Familie der Kolibris hat eine Herzfrequenz von vierhundert Schlägen pro Minute, lebt nur auf Kuba und gilt als kleinster Vogel der Welt. Bild: Picture-Alliance

Vögel galten lange als fliegende Automaten. Seit einiger Zeit wächst jedoch das Interesse an ihrer Individualität. Walter A. Sontag führt in die Diskussion ein und macht mit weiteren Erkenntnissen vertraut.

          3 Min.

          Gegenwärtig gibt es etwa zehntausend Vogelarten auf der Welt. Sie leben in Wüsten und Polarregionen, überqueren die höchsten Gebirge und entlegensten Inseln. Manche sind sportliche Flieger, andere haben sich zu Bodenbewohnern entwickelt. Die sechs Zentimeter kleine Bienenelfe aus der Familie der Kolibris wiegt mit 1,8 Gramm weniger als die Feder eines Straußes, der wiederum zweieinhalb Meter groß und hundertdreißig Kilo schwer werden kann. Autoren naturkundlicher Bücher zeigen sich von dieser Fülle gleichermaßen begeistert und überfordert. Einen vollständigen Überblick in akzeptabler Länge können sie dem Leser nicht einmal über die Vögel Deutschlands bieten.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Biologe Walter A. Sontag versucht sich gar nicht erst an einer systematischen Zusammenschau. Statt dem Reichtum der Arten nachzuspüren, sondiert er in seinem neuen Buch die Vielfalt innerhalb einzelner Spezies: „Jedes Vogelindividuum ist ein Solitär.“ Zoologen wie Heini Hediger, der sich um eine empirische Tierpsychologie bemühte, interessierten sich schon früh für die Persönlichkeiten nichtmenschlicher Lebewesen. Nachdem Wissenschaftler lange fremdelten, haben sie inzwischen Gefallen an dem Forschungsfeld gefunden. Unterschiedliche Temperamente machen sie oft fest an der Neigung, aggressiv auf Reize zu reagieren oder die Umwelt auszukundschaften.

          Fein getaktete Wahrnehmung

          Sontag zitiert eine Studie von 2010, deren Autoren zwei Jahre lang die Schlafgewohnheiten süddeutscher Blaumeisen untersuchten. Unter den Tieren fanden sich einige Exemplare, die sehr früh loszogen, während andere erst spät in den Tag starteten. Entscheidend war, dass sie dieses Verhalten jeweils dauerhaft beibehielten.

          Darüber hinaus widmet sich der Autor dem Fortpflanzungsverhalten, Feind- und Partnerschaften sowie den Wahrnehmungsmöglichkeiten. Letztere bespricht Tim Birkhead in der 2012 erschienenen Monographie „Bird Sense“ allerdings so grundlegend, dass Sontags Beitrag bestenfalls den Charakter eines Supplements hat. Obschon Hörvermögen, Geruch und Geschmack immer intensiver erforscht werden, gilt das Auge nach wie vor als herausragendes Sinnesorgan der Vögel.

          Zwischen Einführung und “Special Interest“

          Ein Trauerschnäpper etwa registriert pro Sekunde eine Folge von hundertsechsundvierzig voneinander getrennten Sehreizen. Bei einer derart fein getakteten Wahrnehmung ist ein sich nähernder Feind schnell identifiziert. Zudem können einige Arten mit Hilfe von in der Netzhaut eingelagerten Proteinen, den sogenannten Cryptochromen, vermutlich das irdische Magnetfeld erkennen – ein in der Zugzeit entscheidender Orientierungsvorteil.

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          Es wird immer schwieriger, die Leser mit ornithologischen Neuigkeiten zu verblüffen, da die meisten Superlative und Kuriosa in den vielen Vogelbüchern aus den vergangenen Jahren schon dargelegt wurden. Lohnend wäre es, tiefer in die Forschung einzutauchen, was Sontag stellenweise auch macht, ohne jedoch die häufig reizvollen Versuchsanordnungen der Wissenschaftler im Detail zu erläutern. Sein Buch besetzt eine Position zwischen Einführung und „Special Interest“.

          Die Vielfalt einer Tierklasse

          Das geht manchmal auf Kosten der Informationsfülle. Beispielsweise beschreibt er sachkundig, wie ein Kuckuck bei der Eiablage vorgeht, welche Hürden sein Nachwuchs vom Embryo bis zur Beseitigung der Konkurrenten im Nest nehmen muss und was die Wissenschaft in mehreren Etappen über den Schmarotzer herausgefunden hat. Gleichwohl umgeht er hier, wie auch in anderen Passagen, zentrale Fragen. So würde man gerne wissen wollen, warum sich der Brutparasitismus überhaupt entwickelte. Eine Hypothese, die Sontag hätte erwähnen müssen, besagt, dass sich ein Kuckuck mit seinen einfachen Füßen nicht auf dünnen Ästen und im Gebüsch bewegen kann, wo sich allerdings jene Insekten aufhalten, von denen die Küken in den ersten Wochen leben. Für Singvögel, welche parallel zur Ausbreitung der Laubwälder entstanden und große Konkurrenten des evolutionär viel älteren Kuckucks wurden, ist das hingegen kein Problem. Deswegen hat er sie als ideale Futterlieferanten für seine Jungen auserkoren.

          Trotz kleiner Schwächen ist Sontags Abhandlung ein gut geschriebener Wegweiser, der den Leser durch einige der wichtigsten Bereiche der Ornithologie lotst. Die zahlreichen Farbfotos führen vor Augen, wie groß die Vielfalt einer Tierklasse sein kann: eine Beutelmeise, die aus der Öffnung ihres kunstvoll gestalteten Nests schaut; ein Rhinozerosvogel, der mit einer erbeuteten Echse die Nisthöhle anfliegt; ein Linienspecht, der sich an einem Stamm zu schaffen macht. Die Frage nach individuellen Charakterzügen solcher Arten wird Vogelkundler in den kommenden Jahren sicherlich weiter beschäftigen.

          Walter A. Sontag: „Das wilde Leben der Vögel“. Von Nachtschwärmern, Kuckuckskindern und leidenschaftlichen Sängern. Verlag C. H. Beck, München 2020. 240 S., Abb., geb., 23,– €.

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