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W. Patrick McCray: The Visioneers : Entwürfe für eine grenzenlose Zukunft

  • -Aktualisiert am

Bild: Princeton University Press

Wissenschaft, Gegenkultur und Unternehmertum: Der Historiker Patrick McCray untersucht ein kalifornisches Biotop technologischer Visionäre.

          Eines der auffälligsten kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Merkmale der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war ein Faible für die Entwicklung ehrgeiziger Zukunftsszenarien. Optimisten, wie zum Beispiel Alvin Toffler oder Julian Simon, und Pessimisten, wie Paul Ehrlich oder der Club of Rome, konkurrierten um die Deutungshoheit und gruppierten sich nach weitgehend vorgegebenen politischen Linienziehungen. Dass ein solches Bild sehr lückenhaft ist, zeigt die meisterliche Studie des Historikers W. Patrick McCray, der den Leser in eine bunte Welt mit Mittelpunkt in Kalifornien entführt, in der Gegenkultur, Hochtechnologie, Eliteuniversitäten und freies Unternehmertum eine einzigartige Verbindung eingingen und technische Innovation und techno-utopische Prophetie symbiotisch koexistierten. McCray kreiert die neue Kategorie der „visioneers“, ein Amalgam aus „visionary“ und „engineer“ - Propheten neuer Technologien, deren Kompetenzen sich nicht auf das Erstellen von Szenarien beschränken, sondern die darüber hinaus fundierte technische und wissenschaftliche Ausbildungen besitzen, um konkrete Pläne und oft sogar Prototypen ihrer Entwürfe herzustellen.

          Der Hintergrund, vor dem sich die von McCray geschilderten Ereignisse abspielen, ist der weitverbreitete Zukunftspessimismus, der 1968 von Paul Ehrlichs „The Population Bomb“ und vor allem vom 1972 veröffentlichten Bericht des Club of Rome, „Limits to Growth“, inspiriert wurde. Beide Darstellungen wurden in wissenschaftlichen Kreisen zum Teil heftig kritisiert für ihre Vereinfachungen und oft schon in die Grundannahmen eingebauten Schlussfolgerungen. Andere griffen zum Mittel konkreter Gegenentwürfe.

          Ein Guru übernahm die Öffentlichkeitsarbeit

          McCrays Buch kreist um zwei zentrale Gestalten dieser Suche nach einer grenzenlosen Zukunft - den in Princeton lehrenden Physiker Gerard O’Neill und seinen einstigen Protegé K. Eric Drexler. O’Neill, der sich als Physiker einen Namen mit dem Design von Teilchenbeschleunigern gemacht hatte, fand diese Zukunft in bewohnten Raumstationen. Mit seinen Studenten entwarf er Prototypen für den elektromagnetischen Katapult, der bei der Besiedlung des Weltraums eine entscheidende Rolle spielen sollte. Drexler wiederum, inspiriert durch seine materialwissenschaftlichen Arbeiten an Sonnensegeln für die Raumfahrt, machte sich seit den späten siebziger Jahren auf die Suche nach den Technologien, die für selbstverständlich gehaltene Grenzen überwinden könnten.

          O’Neill und Drexler arbeiteten in der Grauzone zwischen avancierter, aber doch etablierter Technologie und Entwürfen, die knapp außerhalb des Machbaren lagen. Beide konnten dafür nicht mit üblichen Finanzierungen rechnen und suchten daher andere Quellen. O’Neill fand vor allem Zuspruch in der kalifornischen Gegenkultur, besonders bei dem charismatischen Stewart Brand und - zu O’Neills Bedauern - auch bei Timothy Leary. Ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit wurde von Leary übernommen, was dem Ruf O’Neills in wissenschaftlichen und politischen Kreisen schadete. Drexler musste ebenfalls darum kämpfen, die Kontrolle über seine Projekte zu behalten. Anders als O’Neill bewegte er sich auf einem Gebiet, in dem die Verkleinerung von Bauteilen schon lange auf der Tagesordnung stand.

          Alles andere als Vergangenheit

          Drexlers Ideen, einem breiten Publikum vorgestellt in seinem Bestseller „Engines of Creation“ (1986), beruhten vor allem auf der Schaffung von biologisch inspirierten Nanomaschinen. Die Machbarkeit solcher Maschinen begründete er ausschließlich mit Computersimulationen. Das Bild der Nanotechnologie, das Eingang in üppig finanzierte öffentliche und private Forschungsprogramme finden sollte, war allerdings viel eher an chemische als biologische Ideen gekoppelt. Drexlers Rolle wurde marginalisiert. Ein Prophet mit sektenartigem Gefolge war bei der Etablierung eines neuen milliardenschweren Forschungs- und Geschäftsfeldes nicht erwünscht.

          McCrays Buch ist Zeitgeschichte der Wissenschaft, wie sie besser kaum sein kann, unentbehrlich auch für ein Verständnis der Gegenwart. Denn „Visioneering“ ist alles andere als Vergangenheit - Akteure wie Ray Kurzweil und Unternehmer wie Elon Musk oder Peter Diamandis, die die Privatisierung der Raumfahrt vorantreiben, gedeihen in einem Umfeld, das von Pionieren wie O’Neill und Drexler geprägt wurde. Gegenkulturelle Zukunftsentwürfe, Deregulierung, Venture-Kapitalismus, Stiftungen und großzügige staatliche Förderung gehen Hand in Hand bei der Erschaffung neuer Prophezeiungen für eine grenzenlose Zukunft.

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