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: Vorverlegter Strukturwandel

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Wo immer man nachschlägt, kann man seit Jürgen Habermas' Buch "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (1962) nachlesen, unter Öffentlichkeit verstehe man seit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die besondere politisch-moralische Qualität bürgerlichen Herrschaftsanspruchs im nachabsolutistischen Staat.

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          Wo immer man nachschlägt, kann man seit Jürgen Habermas' Buch "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (1962) nachlesen, unter Öffentlichkeit verstehe man seit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die besondere politisch-moralische Qualität bürgerlichen Herrschaftsanspruchs im nachabsolutistischen Staat. Diese Zeit sei der Übergang von der "repräsentativen" zur "bürgerlichen Öffentlichkeit".

          Da ist Ursula Goldenbaum aber ganz anderer Meinung: Zwar versteht sie mit Habermas unter einer bürgerlichen Öffentlichkeit auch "die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute", doch findet sie öffentliche Debatten schon in den achtziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts. Das heißt: Die deutsche Aufklärung hat nicht erst ab der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, sondern schon seit ihren frühen Anfängen im letzten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts publizistische und politische Aktivitäten entwickelt, "um ihre Positionen einem Publikum im genannten Sinne nahezulegen und dieses zur öffentlichen Diskussion einzuladen".

          Diese These wird in dem zweibändigen "Appell an das Publikum" in sieben Fallstudien dargelegt. Ursula Goldenbaum schreibt drei Fallstudien, Frank Grunert, Peter Weber, Gerda Heinrich sowie Brigitte Erker und Winfried Siebers je eine. Die umfangreichste Studie mit allein 333 Seiten ist Goldenbaums Analyse des Skandals, den Johann Lorenz Schmidt mit seiner eigenwilligen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten "Wertheimer Bibel", verursacht hatte. Ursula Goldenbaum verfolgt die erregte Debatte über diese Bibelübersetzung von ihrer ersten Ankündigung im November 1734 bis zum Abklingen des Streites 1738: Wer wann Einspruch erhoben, wer Schmidt unterstützt und bei wem er vorgesprochen hat, wohin er gefahren ist - alles ist detailliert aufgelistet. Allein die tabellarische Chronologie umfaßt zehn Seiten. Ungedruckte Quellen aus acht Archiven wurden herangezogen, natürlich auch Zeitungen und Zeitschriften jener Zeit, die gedruckten Pamphlete, Schriften und Gegenschriften. Es ist eine Freude, alles zu verfolgen, denn Goldenbaum geht, gerade weil sie ihre These von der Präsenz der öffentlichen Debatte dokumentieren will, ins Detail. Das alles ist überzeugend.

          Ebenso verfährt sie in der Darstellung des Streits zwischen den Berliner "Literaturbriefen" (Gotthold Ephraim Lessing) und dem "Nordischen Beobachter" in Kopenhagen (Johann Andreas Cramer) 1759 bis 1793. In diesem Streit ging es um die Frage des Verhältnisses von Glauben und Vernunft, speziell um die Frage, inwieweit das Christentum enthusiastisch und schwärmerisch verstanden werden könne (Cramer). Dagegen konterte Lessing: "Mit wenig deutlichen Ideen von Gott und den göttlichen Vollkommenheiten, setzt sich der Schwärmer hin, überläßt sich ganz seinen Empfindungen, nimmt die Lebhaftigkeit derselben für Deutlichkeit der Begriffe."

          Die publizistischen Strategien der Preußischen Justizreform (1780 bis 1794) behandelt Peter Weber. Besonders ist auf die von Gerda Heinrich untersuchte Debatte über die bürgerliche Verbesserung der Juden hinzuweisen, die von Christian Wilhelm Dohms Buch "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781), über Moses Mendelssohns "Jerusalem oder Über religiöse Macht und Judentum" (1783) bis zur Rezeption dieser Debatte durch Comte de Mirabeau und Saul Ascher in Berlin (1788) reicht.

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