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: Vorverlegter Strukturwandel

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Frank Grunert berichtet über den frühsten Streit, über die Kontroverse zwischen Christian Thomasius und dem Kopenhagener Hofprediger Hector Gottfried Masius zwischen 1687 und 1724. Es geht dabei um die Kritik von Thomasius an Masius' Denkschrift "Interesse principium circa religionem evangelicam". Auch über die verspätete Einmischung (1690) des reformierten Theologen und Staatswissenschaftlers Johann Christoph Becman in diese Kontroverse wird ausführlich berichtet. Die Gegenaufklärung kommt zu Wort, und zwar in dem Beitrag von Brigitte Erker und Winfried Siebers, die über den Streit zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung berichten, der durch die anonym erschienene Schrift "Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn" ausgelöst worden war.

Die dritte Fallstudie, die Ursula Goldenbaum selbst behandelt, fand in Berlin zwischen 1744 und 1753 statt und ist der öffentlichen Debatte um das "Jugement" der Berliner Akademie gegen den schweizerisch-holländischen Mathematiker Samuel König gewidmet; sie war vor allem eine Debatte über die Freiheit des Denkens. In diesem Zusammenhang wurde auch zum ersten Mal der Topos "appel au public" geprägt, und zwar als Titel einer Schrift (Leiden 1752) von Samuel König selbst. Die Gottschedin übersetzte diese Verteidigungsschrift umgehend ins Deutsche und wählte als Titel "Berufung auf das gemeine Wesen".

Diese gesamte Debatte wurde wegen der zweisprachigen Leserschaft oft zweisprachig geführt (deutsch und französisch), auch dies eine Konzession an das, was nun rasch "Publikum" genannt wurde. Anstatt die Massen und die Durchschnittlichen wegen ihrer Unwissenheit und Inkompetenz mitleidig zu belächeln, wurden gerade sie - als die kritische Öffentlichkeit - zum Prüfstein der Wahrheit. Das hochmütige Schweigen der Auserwählten wurde verachtet, denn man entdeckte die klärende Kraft des öffentlichen Gesprächs. Rückblickend kann man sagen: Die Aufklärung entdeckte sich selbst, und zwar als politische Öffentlichkeit, genauer als Demokratie.

In allen Berichten der Autoren weht der optimistische Geist der Aufklärung. Alle vernünftigen, aufmüpfigen und kritischen Charaktere besitzen in dieser Studie besonders die große Sympathie der Forscher. Das Werk ist nicht nur eine trockene Berichterstattung über die Aufklärung, sondern es atmet selbst den Geist der Aufklärung, optimistisch und ungeduldig. Die Studie ist natürlich viel zu umfangreich, 970 Seiten lesen zu müssen ist anstrengend. Der Band enthält viele Wiederholungen und hätte gekürzt werden können, auch ein Lektorat hätte der Untersuchung nicht geschadet, denn es kommen Sätze vor, die eigentlich nicht so hätten gedruckt werden sollen: "Es ist symptomatisch für den publizistisch-polemischen Charakter aller hier vorgestellten öffentlichen Debatten, daß in ihnen neben der auf der transzendentalen Ebene der Wahrheitssuche in den auf je ein bestimmtes Thema ausgerichteten Diskussionen immer auch Nebendiskussionen stattfinden, zum einen zu den Regeln des öffentlichen Streitens und zum anderen über die Freiheit des öffentlichen Diskurses."

Doch alles ist auch wiederum verzeihlich, denn Ursula Goldenbaum hat dieses Buch mit einer unglaublichen Vehemenz komponiert, in dem richtigen Bewußtsein, ganz neue Akzente in der Aufklärungsforschung setzen zu können. Und trotz der leichten Kritik ist der "Appell an das Publikum" eines der wichtigsten Bücher zur Aufklärung in den letzten Jahren.

FRIEDRICH NIEWÖHNER

Ursula Goldenbaum: "Appell an das Publikum". Die öffentliche Debatte in der deutschen Aufklärung 1687-1796. Mit Beiträgen von Frank Grunert, Peter Weber, Gerda Heinrich, Brigitte Erker und Winfried Siebers. Akademie Verlag, Berlin 2004. 2 Teilbände. XI, 970 S., geb., 158,- [Euro].

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