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: Vorgeschmack auf ein geometrisches Jahrhundert

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Ausgerechnet bei der Eröffnung des Brüsseler Palais Stoclet traf Josef Hoffmann die Dame des Hauses in einer Garderobe an, die seinen ästhetischen Vorstellungen wenig zusagte. Die Gattin des belgischen Bankierssohns Adolphe Stoclet neigte zur Pariser Haute Couture, wogegen der Architekt des mondänen Brüsseler ...

          Ausgerechnet bei der Eröffnung des Brüsseler Palais Stoclet traf Josef Hoffmann die Dame des Hauses in einer Garderobe an, die seinen ästhetischen Vorstellungen wenig zusagte. Die Gattin des belgischen Bankierssohns Adolphe Stoclet neigte zur Pariser Haute Couture, wogegen der Architekt des mondänen Brüsseler Gesamtkunstwerks aus Design, Baukunst und Gartenbau auf seine eigene Art in Revision zu gehen gedachte. Der führende Kopf der Wiener Werkstätte, die den Privatpalast vom Besteck bis zum Gartenbau komplett projektiert hatte, beschloß, daß sich die von ihm mitbegründete Bewegung fortan stärker auch um die Mode kümmern müsse. Das Korsett wurde abgelegt, und die Reformmode mit ihren wallenden Kleidern trat zunehmend ins öffentliche Leben. Die Dame im bauschigen Kleid, mit Blumenmuster und Zick-Zack-Design eines Dagobert Peche, wurde chic.

          Und siehe da: Selbst renommierte Pariser Haute-Couture-Schöpfer wie Paul Poiret fragten in der Werkstatt an der Donau nach Stoffen, die sich sodann in den Geschmack in der Hauptstadt der Kunst einmischen sollten. Die Modeabteilung avancierte zum kommerziell erfolgreichsten Zweig der Wiener Werkstätte - jener 1903 gegründeten Allianz aus Künstlern und Kunsthandwerkern, die bei aller Fragilität fast dreißig Jahre, bis 1932, durchhielt. Sie überlebte den Ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch der Monarchie und setzte in Europa frühe Maßstäbe bei der Idee eines korporativen Designs, wobei sie im wesentlichen durch private Aufträge aus der jüdischen Bourgeoisie gestützt und befeuert wurde.

          An ihrem hundertsten Geburtstag wird die Wiener Werkstätte naturgemäß noch einmal ausgiebig gerühmt. Die Würdigung gilt der Vorläuferin des Bauhauses, als welche sie der Maler Oskar Kokoschka einmal bezeichnet hat, oder der Erfindung der "Corporate Identity", wie sie heute üblich ist - mit dem wiedererkennbaren Logo auf der Anstecknadel und dem geschäftlichen Briefpapier. Das kannte man zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nur in Ansätzen, etwa von Peter Behrens, der damals der AEG in Berlin eine visuelle Identität gegeben hatte.

          Das Jubiläum der Wiener Werkstättehat Christian Brandstätter, langjähriger Kenner der Wiener Bewegung, zum Anlaß für einen Bildband genommen, der sich höchst wohltuend vom üblichen Buch vom Typ "opulenter Prachtband" abhebt, wie er bei solchen Jubiläen ansonsten gleichsam automatisch fällig scheint. Kaum Text, dafür eine Menge wohlplazierter Bilder: Ganz offenkundig versteht Brandstätter sein in Zusammenarbeit mit den Verlagen Thames and Hudson sowie Abrams vorgelegtes Buch als Statement für eine visuelle Präzision, die Zusammenhänge bündelt und anschaulich macht - mit kleinem Format und konzisen Bilddialogen, die noch einmal den Filiationen einer längst bekannten Künstlergemeinschaft nachspürt: Architektur und Möbel, Gebrauchsgraphik und Buchkunst, Glas, Keramik, Metall und schließlich Mode, Schmuck und Accessoires. Entstanden ist ein Musterbuch für das Wiener Design und eine graphische Gestaltung, die bei aller Fülle das Auge nicht überreizt.

          Im Zuge seiner Recherche in den Nachlaßdokumenten des ehemaligen Hoffmann-Schülers Philipp Häusler, der die Wiener Werkstätte in den zwanziger Jahren für einige Zeit leitete und später zur Werkschule in Offenbach kam, aber auch in Auktionshäusern und Privatsammlungen stieß Brandstätter auf einiges bislang unbekanntes oder kaum publiziertes Material, das seinem Band Aktualität verleiht. Mustergültig lassen sich häufig Entwürfe, Projektskizzen und Postkarten anhand zeitgenössischer Fotografien mit den architektonischen Resultaten vergleichen, so etwa bei den Illustrationen zum "Cabaret Fledermaus". Der Dichter Peter Altenberg sah darin, wohin er auch blickte, nur "zarte, besondere, mit Liebe ausgeführte Gegenstände" - darunter etwa die metallenen Terrinen und ein Geschirr, dessen Klarheit kaum etwas mit dem Klischee des nur verspielten, verschnörkelten Jugendstil-Ornaments gemein hat. Wohingegen die Programmhefte dieses Kabaretts geradezu euphorisch ebendieses Ornament feiern, etwa die Ankündigung einer Szene unter dem Titel "Die Regieprobe", die Max Reinhardt hier aufführte.

          Ein Vergnügen machen die Postkarten, bei denen weithin vergessene Protagonisten wieder auf den Plan treten: beispielsweise Rudolf Kalvach, ein konstruktiv-expressiver Gestalter, der 1916, unter dem Eindruck des Krieges, schizophren wurde. Weniger im Bewußtsein als die berühmten Blumentische, Gitterkörbchen, elliptischen Vasen aus gestanztem Metall, in denen schon das Raster als prägendes Merkmal des geometrischen Jahrhunderts vorgefühlt wird, ist heute ein außergewöhnlicher Blumenhalter von Kolo Moser aus dem Anfangsjahr 1903, architektonisch fast im Geiste eines Le Corbusier aufgefaßt. Von archaischer Klarheit ist dagegen eine Tischuhr von Otto Prutscher aus Messing. Hier erlaubt sich der Gestalter mit der Kannelierung der Rahmung und der kurzen Standbeine, die wie kleine Säulen aussehen, einen Rückgriff auf die Antike.

          GEORG IMDAHL

          Christian Brandstätter (Hrsg.): "Design der Wiener Werkstätte 1903-1932". Verlag Christian Brandstätter, Wien 2003. 400 S., 450 Farb- und 100 S/W-Abb., geb, 49,90 [Euro].

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