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: Von zweihundertfünfzig Schuß traf nur einer

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Im Dezember 1761, am Ende des ersten Jahres, in dem er seinen Gegnern im Siebenjährigen Krieg keine Schlacht geliefert hatte, befand sich Friedrich der Große in verzweifelter Lage. Die Aussichten für den kommenden Feldzug waren so finster, daß Friedrich seine ganze Hoffnung auf eine Intervention ...

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          Im Dezember 1761, am Ende des ersten Jahres, in dem er seinen Gegnern im Siebenjährigen Krieg keine Schlacht geliefert hatte, befand sich Friedrich der Große in verzweifelter Lage. Die Aussichten für den kommenden Feldzug waren so finster, daß Friedrich seine ganze Hoffnung auf eine Intervention des türkischen Sultans und seiner tatarischen Hilfstruppen richtete: "Ohne ihre Hilfe sind wir verloren", schrieb er an seinen Minister Finckenstein. Was war passiert? Nicht viel - außer daß Österreicher und Russen zwei preußische Stützpunkte erobert hatten. Die Armee Maria Theresias hatte im September die Festung Schweidnitz erstürmt, was es ihr ermöglichte, ihre Winterquartiere in Schlesien zu beziehen und so den Krieg noch schneller ins brandenburgische Kernland hineinzutragen. Und das russische Heer hatte nach langer Belagerung endlich den Ostseehafen Kolberg ausgehungert und konnte seine Operationsbasis dementsprechend von Ostpreußen nach Pommern vorverlagern. Keine verlorene Schlacht, kein Kolin und Kunersdorf brachte den Staat der Hohenzollern seiner Auslöschung näher als dieser zweifache Verlust, der auf den Zeittafeln der Geschichtsbücher zumeist gar nicht verzeichnet ist. Wenn nicht ein paar Wochen später die Zarin Elisabeth gestorben wäre, hätte das Haus Brandenburg womöglich nur als Hüter eines deutschen Duodezfürstentums weiterbestanden.

          Die Frage nach dem Wesen der friderizianischen Kriegsführung war im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert zwischen Hans Delbrück und der Mehrheit der deutschen Historiker heftig umstritten. Während Delbrück in Friedrichs Feldzügen eine Ermattungsstrategie am Werk sah, deren Hauptzweck im Besitz von Festungen und im Ausmanövrieren des Gegners lag, lasen die meisten seiner Zeitgenossen den Existenzkampf des preußischen Königtums mit clausewitzschen Begriffen von "Niederwerfung" und Vernichtungskrieg. Inzwischen hat sich Delbrücks Position weitgehend durchgesetzt, ohne daß der Mythos vom Feldherrngenie Friedrichs dadurch besonders gelitten hätte.

          Statt dessen ist, vor allem als Ergebnis der Arbeiten angelsächsischer Historiker, der Stern des Herzogs von Marlborough gleichberechtigt neben dem des Preußenkönigs aufgegangen, und auch Moritz von Sachsen, der früh verstorbene Sieger von Fontenoy (1745), wird zumindest als Militärtheoretiker weithin anerkannt.Daß die Einführung jener stehenden Heere, mit denen Marlborough, Moritz und Friedrich operierten, entscheidend zum Aufstieg der europäischen Kolonialmächte und zum Entstehen der industriellen Massenfertigung beitrug, hat zuletzt Geoffrey Parker in seinem Standardwerk zur "Militärischen Revolution" umfassend dargestellt. Der Berliner Historiker Jürgen Luh möchte mit seiner Studie zur Kriegskunst in Europa nun einen Aspekt des Parkerschen Panoramas vertiefen und zugleich kritisch beleuchten: die Innovationsfähigkeit der barocken Heere.

          Luh geht von der erstaunlichen Tatsache aus, daß sich die Bewaffnung, Verpflegung und medizinische Versorgung der Armeen in Europa zwischen dem späten siebzehnten und dem frühen neunzehnten Jahrhundert so gut wie nicht veränderte. Die Hauptwaffe der Infanterie blieb die lange Steinschloßflinte mit geradem Schaft, die zum Zielen ungeeignet war und deshalb auf den Schlachtfeldern nur für ungerichtetes Streufeuer sorgte, für jenen "Kugelhagel", dessen demoralisierende Wirkung oft viel größer war als seine Zerstörungskraft. Die Kavallerie war mit Säbel, Pistole und Karabiner umfassender gerüstet, aber ihre Wirksamkeit hing stark von ihrem Ausbildungsgrad ab, wie gerade die preußische Geschichte augenfällig macht: Während Friedrichs Reiter 1741 bei Mollwitz von der ersten Attacke der Österreicher in die Flucht geschlagen wurden, entschieden sie sechzehn Jahre später bei Roßbach die Schlacht für den König.

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