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: Von Paläopower bis Lebenssinn

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Im Darwin-Jahr fehlt es naturgemäß nicht an Würdigungen der Evolutionstheorie und ihres Begründers. Der Biologe Ulrich Kutschera berichtet in seinem Buch vom allseits bekannten Darwin, von Weltreise und zurückgezogenem Forscherleben. Doch interessanter wird es, wenn es um Darwins etwas weniger bekannte Seiten geht.

          Im Darwin-Jahr fehlt es naturgemäß nicht an Würdigungen der Evolutionstheorie und ihres Begründers. Der Biologe Ulrich Kutschera berichtet in seinem Buch vom allseits bekannten Darwin, von Weltreise und zurückgezogenem Forscherleben. Doch interessanter wird es, wenn es um Darwins etwas weniger bekannte Seiten geht. Auch ohne die Evolutionstheorie wäre Darwin schließlich ein bedeutender Naturforscher gewesen. Immerhin kam er bereits auf den Gedanken, dass in einem Tümpel der Urzeit auf chemischem Wege die ersten Zellen entstanden sein könnten. Damit sei er "einer der geistigen Urväter der modernen Biogeneseforschung". Durch seine Arbeiten zu den angeborenen Wurzeln der Emotionsausdrücke habe er "im Prinzip" die Grundlage der Soziobiologie geschaffen und sei zudem der Vater der Pflanzenhormonforschung und der Forschung zur Pflanzenintelligenz. Mit seinem letzten, nur sechs Monate vor seinem Tod erschienenen Werk "Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Regenwürmer" wurde er auch zu einem der Begründer der Bodenbiologie und kurierte die Gärtner von dem Irrtum, Regenwürmer seien Schädlinge, die entfernt werden müssten.

          Hinter Kutscheras bisweilen etwas dick aufgetragener Darwin-Lobhudelei steht eine wichtige Einsicht: Darwin war nicht nur der Mann für die große Theorie. Er war Spezialist, Spezialist für Käfer, für Rankenfußkrebse, für das Wachstum von Wurzelspitzen, für Regenwürmer. Ohne solche Spezialkenntnisse hätte er die allgemeinen Schlussfolgerungen über den "Ursprung der Arten" nicht ziehen können.

          Der Autor zeigt in ungewöhnlicher Breite, wo Darwin richtig lag und wo er sich irrte, beschreibt Schlüsselerlebnisse des jungen Darwin - etwa ein Erdbeben, das ihn in Südamerika an der Festigkeit der Erde zweifeln lässt - und zeichnet zentrale Debatten nach, wie jene um das Alter der Erde, die zu Darwins Zeiten nicht annähernd geklärt werden konnte. Und er ergänzt viele Dinge, die Darwin noch nicht wissen konnte. Zwei Dinge bekommen dem Buch allerdings nicht besonders: der bestenfalls überflüssige Versuch, Darwins Thron durch einen Vergleich mit Mozart noch glänzender strahlen zu lassen, und der stets und ständig präsente Kampf gegen die Kreationisten. Letzterer verschafft dem Buch zwar manche gute Pointe, verleiht dem Text aber einen unangenehm aggressiven Unterton.

          Wenn irgendeine wissenschaftliche Einsicht abgesichert ist, dann jene von der Evolution. Das betonen auch die Biologen Thomas Junker und Sabine Paul. Im Bewusstsein der Menschen habe die Darwinsche Revolution allerdings kaum begonnen. Weshalb die Autoren sich daranmachen, auszubuchstabieren, was Darwin in ihren Augen heute wohl zu sagen hätte. Ihr Darwin ist nicht der verehrungswürdige Gründervater, er ist Ernährungs- und Eheberater, Kunsttheoretiker und Terrorismusexperte und hat auch gleich die Antwort auf die Sinnfrage parat. Offizielle Ernährungsempfehlungen finden keine Gnade vor dem darwinschen Blick der Autoren: Kohlenhydratreiche Ernährung in Form von Getreide sei den biologischen Bedürfnissen des Menschen ebenso unangemessen wie Milchprodukte. "PaläoPower" nennen sie ihren Versuch, die Erkenntnisse der Evolutionsforschung auf den Küchenalltag anzuwenden: Esst Steak mit Salat statt Käsebrot!

          Den meisten Menschen fällt zu Darwin immer noch der "Kampf ums Dasein" ein. Ein anderer Mechanismus der Evolution, den Darwin ausmachte, ist weniger bekannt: die sexuelle Selektion. Darwin wunderte sich über den oft ebenso prächtigen wie hinderlichen Schmuck, den die männlichen Exemplare mancher Arten an den Tag legen. Seine Erklärung: Die Männchen konkurrieren nicht nur untereinander, sie müssen sich der Wahl der Weibchen stellen. Und die nehmen nicht einfach den, der sich am besten prügeln kann, sondern wissen die Attraktiven zu schätzen. Würden die Männer nur untereinander um den Besitz von Frauen kämpfen, wie es die Gorillas tun, wären sie heute vermutlich zweieinhalb Meter groß, hätten vampirartige Eckzähne, einen Penis von drei Zentimetern und würden eifersüchtig ihren Harem bewachen. Doch auch die Frauen wären keine Schönheiten, würden sie nicht seit Urzeiten um die Männer konkurrieren: Es ist die gegenseitige Partnerwahl, die den Menschen zum Menschen macht, so die Autoren.

          Dazu kommt noch die Kunst, die "einzige grundlegend neue Eigenschaft" des modernen Menschen. Sie ist zu aufwendig, um nutzlos zu sein, was aber könnte ihr Selektionsvorteil sein? Kunst synchronisiere die Gesellschaft, sei Voraussetzung für Kooperation, überzeuge die Individuen, eigene Interessen denen der Gruppe unterzuordnen. Die Religion, der diese Funktion für gewöhnlich zugeschrieben wird, ist für die Autoren dagegen nur die jüngere, unsympathische Schwester der Kunst, entstanden, als Macht und Ausbeutung an die Stelle der egalitären Gesellschaften der Steinzeit traten.

          Nicht erst hier und natürlich erst recht dann, wenn es um den Sinn des Lebens geht, wird die biologistische Blickverengung der Autoren klar. Der Sinn des Lebens, so erfährt der Leser denn auch, ist die Verbreitung der eigenen Gene. Lebensfreude hingegen entstand als ein Sinn zweiter Ordnung, denn wer auf sich achtet, der hat bessere Chancen auf Nachkommen. Es ist die alte Krux der Evolutionspsychologie, dass sich immer irgendeine Geschichte findet, die einer Verhaltensweise einen Überlebensvorteil attestiert: Selbstmordattentäter haben selbst wenig Chancen auf Fortpflanzung, verhelfen durch ihre Tat aber ihrer Familie zu Vorteilen. Wer sich um kulturelle statt um biologische Unsterblichkeit bemüht, hilft durch die Weitergabe seiner Erfahrungen seinen Verwandten bei der Fortpflanzung.

          Angesichts solcher "Just-so-Stories" möchte man dem ausgesprochen vorsichtigen Begründer der Evolutionstheorie manchmal doch den Vorzug geben vor einigen seiner allzu selbstsicheren Bewunderer.

          MANUELA LENZEN

          Ulrich Kutschera: "Tatsache Evolution". Was Darwin nicht wissen konnte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. 339 S., Abb., br., 14,90 [Euro].

          Thomas Junker, Sabine Paul: "Der Darwin-Code". Evolution entschlüsselt unser Leben. Verlag C. H. Beck, München 2009. 224 S., 22 Abb., geb., 19,90 [Euro].

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