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: Von Paläopower bis Lebenssinn

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Den meisten Menschen fällt zu Darwin immer noch der "Kampf ums Dasein" ein. Ein anderer Mechanismus der Evolution, den Darwin ausmachte, ist weniger bekannt: die sexuelle Selektion. Darwin wunderte sich über den oft ebenso prächtigen wie hinderlichen Schmuck, den die männlichen Exemplare mancher Arten an den Tag legen. Seine Erklärung: Die Männchen konkurrieren nicht nur untereinander, sie müssen sich der Wahl der Weibchen stellen. Und die nehmen nicht einfach den, der sich am besten prügeln kann, sondern wissen die Attraktiven zu schätzen. Würden die Männer nur untereinander um den Besitz von Frauen kämpfen, wie es die Gorillas tun, wären sie heute vermutlich zweieinhalb Meter groß, hätten vampirartige Eckzähne, einen Penis von drei Zentimetern und würden eifersüchtig ihren Harem bewachen. Doch auch die Frauen wären keine Schönheiten, würden sie nicht seit Urzeiten um die Männer konkurrieren: Es ist die gegenseitige Partnerwahl, die den Menschen zum Menschen macht, so die Autoren.

Dazu kommt noch die Kunst, die "einzige grundlegend neue Eigenschaft" des modernen Menschen. Sie ist zu aufwendig, um nutzlos zu sein, was aber könnte ihr Selektionsvorteil sein? Kunst synchronisiere die Gesellschaft, sei Voraussetzung für Kooperation, überzeuge die Individuen, eigene Interessen denen der Gruppe unterzuordnen. Die Religion, der diese Funktion für gewöhnlich zugeschrieben wird, ist für die Autoren dagegen nur die jüngere, unsympathische Schwester der Kunst, entstanden, als Macht und Ausbeutung an die Stelle der egalitären Gesellschaften der Steinzeit traten.

Nicht erst hier und natürlich erst recht dann, wenn es um den Sinn des Lebens geht, wird die biologistische Blickverengung der Autoren klar. Der Sinn des Lebens, so erfährt der Leser denn auch, ist die Verbreitung der eigenen Gene. Lebensfreude hingegen entstand als ein Sinn zweiter Ordnung, denn wer auf sich achtet, der hat bessere Chancen auf Nachkommen. Es ist die alte Krux der Evolutionspsychologie, dass sich immer irgendeine Geschichte findet, die einer Verhaltensweise einen Überlebensvorteil attestiert: Selbstmordattentäter haben selbst wenig Chancen auf Fortpflanzung, verhelfen durch ihre Tat aber ihrer Familie zu Vorteilen. Wer sich um kulturelle statt um biologische Unsterblichkeit bemüht, hilft durch die Weitergabe seiner Erfahrungen seinen Verwandten bei der Fortpflanzung.

Angesichts solcher "Just-so-Stories" möchte man dem ausgesprochen vorsichtigen Begründer der Evolutionstheorie manchmal doch den Vorzug geben vor einigen seiner allzu selbstsicheren Bewunderer.

MANUELA LENZEN

Ulrich Kutschera: "Tatsache Evolution". Was Darwin nicht wissen konnte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. 339 S., Abb., br., 14,90 [Euro].

Thomas Junker, Sabine Paul: "Der Darwin-Code". Evolution entschlüsselt unser Leben. Verlag C. H. Beck, München 2009. 224 S., 22 Abb., geb., 19,90 [Euro].

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