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: Von einem, der aufhören wollte zu leben

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Am frühen Nachmittag des 25. Februar 2008 trank Ulrich Tanner, ein ordentlicher, höflicher 51-jähriger Mann aus Köln, in einem Züricher Wohnzimmer ein Gemisch aus 60 Milliliter Wasser und 15 Gramm Natrium-Pentobarbital, eine tödliche Dosis. Er trank es, ohne abzusetzen. Er sei friedlich eingeschlafen, erzählten ...

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          Am frühen Nachmittag des 25. Februar 2008 trank Ulrich Tanner, ein ordentlicher, höflicher 51-jähriger Mann aus Köln, in einem Züricher Wohnzimmer ein Gemisch aus 60 Milliliter Wasser und 15 Gramm Natrium-Pentobarbital, eine tödliche Dosis. Er trank es, ohne abzusetzen. Er sei friedlich eingeschlafen, erzählten die, die dabei gewesen waren, zwei Freunde von ihm und ein Ehepaar, das er noch nicht lange kannte, Mitarbeiter der Schweizer Sterbehilfeorganisation "Dignitas". Tanner hatte Parkinson, Krebs und Aids; er hatte lange und mit Sehnsucht auf seinen Todestag gewartet.

          Wolfgang Prosinger, Reporter beim "Tagesspiegel", hat Tanner, der in Wahrheit nicht Tanner hieß und auch nicht aus Köln kam, auf dessen Weg zum Tod begleitet und ein ruhiges, kluges Buch darüber geschrieben, "Tanner geht". Es ist in vielen stundenlangen Gesprächen entstanden, in denen Tanner ihm von seinen Beweggründen erzählt hat, und handelt von Tanners Leben und Sterben. Und es handelt vom Sterben überhaupt. Wie geht das: Sterben heute? Höchstens jeder Dritte stirbt noch eines natürlichen Todes. Achtzig Prozent aller Sterbefälle ereignen sich in Krankenhäusern oder Pflegestationen, der Tod ist damit aus unserem Alltagsleben fast vollkommen ausgelagert und in die Kontrolle der Medizin überstellt. Die ihn gerne hinauszögert, einfach, weil sie es kann. Und wenn jemand nicht mehr leben möchte, heißt das noch lange nicht, dass er auch sterben darf. Es darf ihm jedenfalls niemand dabei helfen. Und wer dabei anwesend ist, kann wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden. Weshalb Menschen, die möglichst würdevoll, also ohne Schmerzen und nicht allein, sterben wollen, in die Schweiz fahren müssen.

          "Dignitas" wurde 1998 in Zürich gegründet und hat seither mehr als 900 Menschen in den Tod geholfen. Kaum jemals fällt der Firmenname ohne den Zusatz "umstritten" - die Gründe dafür verschweigt Prosinger nicht ("Dignitas" betreibe Selbsttötungen wie am Fließband; der Tod durch Natrium-Pentobarbital sei nicht so sanft wie behauptet; die Organisation verdiene Geld durch das Sterben von Menschen . . .), doch beim Lesen seiner Ausführungen stellt sich das Gefühl ein, die Gründe für den zwielichtigen Ruf dieser Organisation liegen hauptsächlich auf Seiten ihrer Kritiker. Freiwillig aus dem Leben zu scheiden hat auch in Zeiten, in denen Gottesfurcht selten geworden ist, einen schlechten Ruf, Leben gilt als höchstes Gut, und selbst schweres Leiden hat man hinzunehmen, solange es die Medizin erlaubt, weil: Ja, warum eigentlich?

          Dass Menschen immer älter werden, bedeutet, dass sie immer länger alt sind. Im Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, krank, ein Pflegefall zu werden. Wenn die Medizin in dem Tempo weiter vorankommt wie bisher, wird Leben als künstliches Leben bald nahezu grenzenlos verlängerbar sein. Aber wann stirbt man dann? Und woran? Am Abschalten von Geräten? Und warum soll eine Gesellschaft, die gewohnt ist, selbstbestimmt zu leben, die, wie Prosinger schreibt, wie keine andere in Verhältnissen aufgewachsen ist, "die es ihr ermöglicht haben, dem eigenen Ich und besonders der Autonomie dieses Ichs große Aufmerksamkeit zu schenken", ausgerechnet am Ende, wenn es um den eigenen Tod geht, plötzlich Fremdbestimmung dulden?

          Der Gedanke, sich das Leben nehmen zu können, hat schon vielen geholfen, es nicht zu tun. Eine von Prosinger zitierte Studie einer Münchner Fachhochschule aus dem Jahr 2005 kam zu dem Ergebnis, dass 70,7 Prozent der Menschen, denen "Dignitas" nach Prüfung ihres Falles "grünes Licht" für die Selbsttötung erteilt hatte, sich anschließend nicht mehr bei der Organisation meldeten. In Tanners Fall jedoch reichte der bloße Gedanke an Selbstmord nicht aus: Er sah seinem Freitod nach langer Krankheit wie einer Erlösung entgegen, in seinen letzten Monaten bemühte er sich, bei guter körperlicher Verfassung zu bleiben, denn wäre er wegen zu schwerer Medikamente nicht mehr bei vollem Bewusstsein gewesen, hätte "Dignitas" seinen Fall abgewiesen - kurz vor Einnahme der tödlichen Dosis müssen die Sterbewilligen eine Erklärung unterschreiben, damit dokumentiert ist, dass sie wissen, was sie tun. 9700 Schweizer Franken, umgerechnet gut 6000 Euro, hat Tanner der Organisation für die Sterbehilfe überwiesen; er hat auch seinen eigenen Grabstein ausgesucht und im Namen seines Freundes seine eigene Todesanzeige verfasst.

          Prosingers Ton ist sachlich, nie sentimental, er bringt seinem Protagonisten großen Respekt entgegen, deutet seine eigenen Gefühle nur an, als er Tanner wenige Tage vor dessen Sterbetermin die Frage stellt, ob er es sich nicht doch noch einmal überlegen möchte. Doch das möchte der nicht, sein Entschluss ist felsenfest, und also akzeptiert ihn auch der Autor. Er hat dem Buch ein Zitat von Kafka vorangestellt: "Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang der Hölle." Am 25. Februar 2008 um 13.20 Uhr war Tanner tot.

          JOHANNA ADORJÁN

          Wolfgang Prosinger: "Tanner geht. Sterbehilfe - Ein Mann plant seinen Tod". Verlag S. Fischer, 176 Seiten, 16,90 Euro

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