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: Vom Servilismus bedrückt

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Beide waren die je Besten ihres Faches. Keiner kannte Roms Geschichte so wie Theodor Mommsen (1817 bis 1903), keiner das antike Griechenland so wie Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848 bis 1931). Beide konnten schreiben, und beide taten es leidenschaftlich: Über 1500 Werke verfaßte der Ältere, über 800 der Jüngere.

          Beide waren die je Besten ihres Faches. Keiner kannte Roms Geschichte so wie Theodor Mommsen (1817 bis 1903), keiner das antike Griechenland so wie Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848 bis 1931). Beide konnten schreiben, und beide taten es leidenschaftlich: Über 1500 Werke verfaßte der Ältere, über 800 der Jüngere. Beide waren mächtige Wissenschaftsmanager. Solange sie zusammenhielten, lenkten sie die Zunft und manchmal sogar das Ministerium. Aus dieser Zeit zwischen 1876 und 1897, als Wilamowitz noch nicht neben Mommsen in Berlin lehrte, sondern in Greifswald und Göttingen, dafür aber sein volles Vertrauen besaß, stammen die meisten Stücke dieses Briefwechsels.

          Als man ihn 1935 erstmals veröffentlichte - in einer gekürzten, entschärften Version -, verstand sich das von selbst. Die Altertumswissenschaften blühten. Schüler der beiden regierten sie. Man ehrte die Lehrer. Wenn er nun nochmals erscheint - ergänzt um einige neu entdeckte Briefe und in voller Länge -, ist dies jedenfalls mutig. Denn das Fach kämpft ums Überleben. Mommsen ist zum großen Namen verblaßt. Wilamowitz kennt man allenfalls noch als vernichtenden Rezensenten von Nietzsches "Geburt der Tragödie". Griechisch, die Sprache, in der er sogar dichtete, können wenige auch nur lesen, und die einheimische ,Wissenschaftsgeschichte' konzentriert sich ganz darauf, möglichst alle deutschen Gelehrten vor 1970 des Antisemitismus zu überführen. Zweifellos wird das auch bei Mommsen glücken, der die Quellen des Judäa-Kapitels seiner "Römischen Geschichte" 1884 als "verlogene Judenbücher" schmähte, und erst recht bei Wilamowitz, der dem Chauvinisten Paul de Lagarde 1894 eine ehrende Grabrede hielt. Doch muß man dazu 700 Seiten lesen?

          Solche Bedenken beeindrucken William M. Calder nicht. Unbelastet von akademischen Tageskonjunkturen, veröffentlicht der energische Individualist aus Illinois, einer der weltweit besten Kenner der Classical Scholarship der letzten zwei Jahrhunderte, seit 1973 einen Wilamowitz-Briefwechsel nach dem anderen. Auch dieser, der elfte insgesamt, rechtfertigt sich für ihn aus objektiver Wichtigkeit, also aus besonders ergiebigen Antworten auf seine Lieblingsfrage: "What did we learn?"

          Auf den ersten Blick scheint es: wenig. Was einer Gelehrtenkorrespondenz Würze gibt - politische und wissenschaftliche Bekenntnisse, methodologische und allgemeine Lebensweisheiten -, ist selten. Nur zehn Seiten füllen die einschlägigen Stellen, die man am Ende des Buches in einer Art Blütenlese zusammengefaßt hat. Statt dessen dominiert der Alltag, der familiäre wie der dienstliche. Regelmäßig berichtet Wilamowitz, seit 1878 Mommsens Schwiegersohn, über die (stets labile) Gesundheit seiner Frau und das (meist gute) Ergehen der wachsenden Kinderschar. Man informiert sich über neue Funde, Bücher und Projekte, über Personalia und akademischen Klatsch. Natürlich versucht man, vakante Lehrstühle mit Freunden oder Schülern zu besetzen. Mißlingt dies gelegentlich, schimpft man über das "Willkürregiment" und die "Sklavenhändler-Manier" von Friedrich Althoff, dem starken Mann im Kulturministerium. Die meisten Kollegen lehnt man ab. In Göttingen, berichtet Wilamowitz, lägen "die weitaus besten Männer auf den Friedhöfen". Mommsen sieht ringsum nur "Perversität" und "Nullität", warnt aber ebendeshalb davor, sich auf publizistische Debatten einzulassen. "Ein zugleich geniales und methodisches großes Werk wird tausendmal mehr nützen als alles Erbsenwerfen und Schwärmerabbrennen."

          An solchen Werken arbeiten beide. Von Mommsen erscheinen in diesen Jahren neben vielen anderen der zweite und der dritte Band des "Römischen Staatsrechts" (1874-1888), dessen Kurzfassung (1893), der zweite Band der "Römischen Forschungen" (1879), das "Römische Strafrecht" (1899) und natürlich der fünfte Band der "Römischen Geschichte" (1885). Wilamowitz schreibt die "Homerischen Untersuchungen" (1884), den "Herakles des Euripides" (1889), "Aristoteles und Athen" (1893) und mehrere Klassikerausgaben. Auch darüber tauscht man sich aus - und hilft einander. Vor allem Mommsen scheut sich nicht, vom "lieben Wilamowitz" nahezu pausenlos Auskünfte über griechische Begriffe, Texte und Inschriften einzufordern. Bald laufen alle wichtigen Manuskripte über den Schreibtisch des Schwiegersohnes. Dieser prüft sie geduldig, mit größter Genauigkeit und unerschöpflicher Quellenkenntnis. Zu jedem Detail griechischen Lebens und Glaubens weiß er Autoren, Überlieferungsvarianten und -kontexte kritisch gegeneinander abzuwägen. Obwohl er gerade solche Erörterungen "ganz aus der dogmatischen in die historischen Bahnen lenken" möchte, macht er doch nirgends den rationalistischen Fehler, Mythen auf historische Tatsachen zu reduzieren. Allein die hier versammelten Briefe erweisen ihn so als ebenbürtigen Geistesverwandten eines Nietzsche oder Jacob Burckhardt. Nur der Unterschied trennt sie, daß Wilamowitz seine Vision der Antike innerhalb der akademischen Welt durchzusetzen sucht.

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