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: Vom Popstar zur Unperson

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Warum schreiben westdeutsche Sportjournalisten eigentlich so gern über ehemalige DDR-Sportler? "Weil diese Geschichten oft fremd und vor allem viel spannender sind als die Biographien von westdeutschen Sportlern", sagt Wolfgang Böhme. Der ostdeutsche Handballspieler hat selbst so eine Geschichte erlebt und diese Erik Eggers erzählt.

          Warum schreiben westdeutsche Sportjournalisten eigentlich so gern über ehemalige DDR-Sportler? "Weil diese Geschichten oft fremd und vor allem viel spannender sind als die Biographien von westdeutschen Sportlern", sagt Wolfgang Böhme. Der ostdeutsche Handballspieler hat selbst so eine Geschichte erlebt und diese Erik Eggers erzählt. Der (west-)deutsche Sportjournalist hat sie chronologisch aufgeschrieben, dabei ein detailliertes Sittengemälde des DDR-Sportsystems entworfen - und daraus ein gutes Buch gemacht.

          Wolfgang Böhme war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der bekannteste Handballspieler der DDR und einer der besten Linkshänder auf der Welt. Er wurde 1974 Weltmeisterschaftszweiter und 1978 WM-Dritter. In den unzähligen Handballdramen mit dem "Klassenfeind BRD" in dieser Zeit war er eine der Hauptfiguren. Wolfgang Böhme spielte 192 Mal für die DDR-Auswahl und war lange Zeit ihr Kapitän. Bis zum Jahr 1980 hatte der auf der Insel Usedom groß gewordene Rechtsaußen eine typische, fest verplante DDR-Sportlerkarriere hingelegt. Doch plötzlich, nur drei Monate vor den Olympischen Spielen 1980 in Moskau, wird Böhme aus dem Kader des Nationalteams geworfen und aus dem öffentlichen Sportgedächtnis seines Landes gelöscht. Seine Fotos werden aussortiert, er wird zur "Unperson" erklärt. Wolfgang Böhme wird "ausdelegiert", wie es in der offiziellen, gestelzten DDR-Sprache hieß.

          Böhme verlor alle Privilegien, die einem erfolgreichen "Diplomaten im Trainingsanzug" in der DDR zustanden. Das Auto ohne Wartezeit, die große Wohnung, die Handgelder, den Status eines "Staatsamateurs", der einem das mühselige Arbeitsleben eines Werktätigen ersparte. "Ich genoss das in vollen Zügen, ohne groß nachzudenken", sagt Wolfgang Böhme mittlerweile selbstkritisch im Rückblick. Der Vorzeigespieler von Empor Rostock und erste echte "Popstar des DDR-Sports" hatte nur eines unterschätzt: das Ministerium für Staatssicherheit. Es sah alles, las alles und hörte immer mit. Solange die Leistungen auf dem internationalen Hallenparkett stimmten, die Haltung zu Partei und Staat als gefestigt galt, konnte einem wie ihm nichts passieren, dachte er.

          Ein fast dummer Zufall im März 1980 besiegelte dann Böhmes Abstieg. Ein Brief an seine Geliebte landete bei der Staatssicherheit. Böhme drohte darin, die DDR bei einem Spiel in Dänemark zu verlassen, wenn sich die Frau nicht für ihn allein entscheiden würde. "Verdacht auf Republikflucht" hieß das, und es hatte in der DDR schlimme Folgen. Böhme musste in Stasi-Verhören noch andere Delikte eingestehen, bei denen die DDR sonst stets beide Augen zudrückte, wenn sie erfolgreiche Sportler begangen; beispielsweise der Schmuggel von West-Waren oder das Annehmen von West-Devisen. Das reichte, um Böhme zu bestrafen: Ausschluss aus dem Nationalteam, ein dreijähriges Spielverbot und der Verlust aller Privilegien.

          Wolfgang Böhme blieb trotzdem in der DDR, arbeitete erst als Lehrer, später als Türsteher in einer Diskothek in Ost-Berlin. Ein halbes Jahr vor der Maueröffnung verließ er mit einer offiziellen Ausreisegenehmigung die DDR. Doch in der Bundesrepublik konnte er sich nie richtig etablieren. Seit vier Jahren lebt Böhme nun in der Schweiz. Er ist wieder Sportlehrer, trainiert nebenbei die Handball-Junioren des RTV Basel und spielt in einer Traditionsmannschaft. Böhme ist heute 58 Jahre alt und sieht zufrieden aus. Das Buch, das Erzählen seiner Geschichte, war sehr wichtig für ihn, sagt er. Lesen sollten es auch andere.

          TORSTEN HASELBAUER

          Erik Eggers: Böhme. Eine deutsch-deutsche Handballgeschichte, Verlag Die Werkstatt, 256 Seiten, 18,90 Euro.

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