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: Vom Mythos der nackten Tatsachen

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Ausgerechnet die Geologie, die es doch allem Anschein nach mit steinharten Fakten zu tun hat, ist ein gutes Beispiel dafür, wie drastisch politische Instrumentalisierung von Wissenschaft verlaufen kann. Schließlich, so dachte man um 1800, gehorchen die Geschichte des Gesteins und die Geschichte der Menschheit den gleichen Gesetzen.

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          Ausgerechnet die Geologie, die es doch allem Anschein nach mit steinharten Fakten zu tun hat, ist ein gutes Beispiel dafür, wie drastisch politische Instrumentalisierung von Wissenschaft verlaufen kann. Schließlich, so dachte man um 1800, gehorchen die Geschichte des Gesteins und die Geschichte der Menschheit den gleichen Gesetzen. Die Frage war nur, welchen? Für die "Plutonisten" war alles Gestein vulkanischen Ursprungs und aller Fortschritt ein Kind von Katastrophen, angeheizt vom Zentralfeuer im Innern der Erde. Für die "Neptunisten" dagegen gab es nur Sedimente, und der naturgeschichtliche Fortschritt verlief tröpfchenweise, ausgehend von den Weiten des Ozeans. Damit eröffnete die Geologie allen Parteien die Möglichkeit, ihre Doktrinen zur Französischen Revolution in Stein zu meißeln.

          Dass selbst unter dem Namen strengster Wissenschaft ein politischer Subdiskurs auszumachen ist, zeigt auch der dritte Band der "Cambridge History of Science", der sich der Frühen Neuzeit widmet, jener Epoche, die gemeinhin mit dem Begriff der wissenschaftlichen Revolution identifiziert wird. Wer sich mit Wissenschaftsgeschichte befasst, kommt um dieses insgesamt auf acht Bände angelegte Referenzwerk nicht herum; umso mehr ist es geboten, die Weichenstellungen zu prüfen, die das von Amerikanern und Briten dominierte Herausgebergremium vorgenommen hat.

          Katharine Park und Lorraine Daston, die für den Band über die Frühe Neuzeit verantwortlich zeichnen, geben in einer programmatischen Einleitung die Direktiven bekannt: Der Begriff der wissenschaftlichen Revolution sei in jeder Beziehung irreführend und seine weitere Verwendung habe keine Berechtigung mehr. Ihre Begründung erfolgt in zwei Schritten; zuerst nehmen sie den Begriff historisch auseinander: "Es ist nicht länger klar, dass es irgendein zusammenhängendes Unternehmen in der Frühen Neuzeit gegeben hat, das mit der modernen Wissenschaft gleichgesetzt werden kann oder dass die betreffenden Umwälzungen so explosiv und diskontinuierlich gewesen sind, wie die Analogie mit der politischen Revolution unterstellt, oder einzigartig in ihrer intellektuellen Größe und kulturellen Bedeutung."

          Dann holen sie zur Ideologiekritik aus: Die wissenschaftliche Revolution sei ein "echter Mythos", zusammengesetzt aus Motiven, die "zu tief sitzen, um von reinen Tatsachen erschüttert zu werden". Es handle sich um eine Erzählung über "den unumgänglichen Aufstieg des Westens zur globalen Vorherrschaft", die einer von Religion und Tradition losgelösten Kultur des Nachforschens zu verdanken sei.

          Erst pflügen, dann säen

          Die pointierte Positionierung der Herausgeberinnen ist grundsätzlich zu begrüßen, zumal sich in den letzten Jahren das übliche Historikerritual eingebürgert hat, den Begriff erst zu verwerfen und dann gleich wieder zu verwenden. Ihrer Sache nicht sehr dienlich ist allein die Art und Weise des Positionsbezugs. So treffend ihre Ideologiekritik im Einzelnen ist, die Rhetorik reiner Wissenschaftlichkeit, mit der sie vorgebracht wird, überrascht und irritiert, gerade angesichts der eigenen bahnbrechenden Arbeiten der Autorinnen.

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