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Buch über Weltkriegsende : Als alles in Trümmern lag

Ein Bild der „Stunde Null“: der Berliner Reichstag nach dem Ende der Kämpfe Anfang Mai 1945. Bild: dpa

So arrangiert man Zeitgeschichte in überzeugenden Skizzen: Der Historiker Volker Ullrich erzählt vom Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Er macht die „Stunde null“ gegenwärtig.

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          Wer erfand das Wort vom Eisernen Vorhang? Am 2. Mai 1945 benutzte Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk den Ausdruck in einer Rundfunkansprache, in der er den „Heldenkampf“ des deutschen Volkes gegen die „rote Flut“ der anstürmenden Sowjetarmeen beschwor. Hinter deren Front, so Krosigk, gehe „das Werk der Vernichtung der in die Gewalt der Bolschewisten gefallenen Menschen“ weiter. Zehn Tage später nahm Winston Churchill die Wortprägung in einem Telegramm an den amerikanischen Präsidenten Truman auf, bei dem er sich über den sowjetischen Verbündeten beschwerte: „An iron curtain is drawn upon their front.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Schon zweieinhalb Monate zuvor freilich hatte Joseph Goebbels in einem Leitartikel für „Das Reich“ vom „eisernen Vorhang“ gesprochen, hinter dem im Fall einer deutschen Kapitulation „die Massenabschlachtung der Völker“ begänne. Wer die Geschichte des Begriffs noch weiter zurückverfolgt, stößt auf Zeugnisse aus dem Ersten Weltkrieg. Fest steht, dass der Eiserne Vorhang im Frühjahr 1945 im deutschen wie im westalliierten Lager die Runde machte, bis ihm Churchill in seiner berühmten Rede am Westminster College in Fulton ein Jahr später die bis heute gültige Definition gab.

          Der kurze Blick auf das begriffsgeschichtliche Infektionsgeschehen zwischen Goebbels, Krosigk und Churchill ist eine der bemerkenswertesten Passagen in Volker Ullrichs Panorama der „letzten Woche des Dritten Reiches“, weil sie das Drama der Ereignisse in den Horizont ihrer ideologischen Verarbeitung rückt. Mit der Übernahme der Erzählung von der Abschottung Mittel- und Osteuropas unter sowjetischer Herrschaft kündigt sich schon die Nachkriegsordnung an, auch wenn deutsche Soldaten noch vereinzelt gegen Amerikaner, Briten und Franzosen kämpfen.

          Die von Hitler testamentarisch eingesetzte Reichsregierung des Großadmirals Dönitz, in der Schwerin von Krosigk als „Leitender Minister“ und Außenminister fungierte, spielte in diesem Übergangsprozess die Rolle eines Transmissionsriemens. Der Versuch von Dönitz, Krosigk und der Wehrmachtsführung unter Keitel und Jodl, nur vor den Westalliierten zu kapitulieren, scheiterte politisch zwar an der Bündnistreue des amerikanischen Oberbefehlshabers Eisenhower, kam aber auf symbolischer Ebene mit Jodls Unterschrift am 7. Mai in Reims dennoch zum Ziel. Die nachgeholte Kapitulation fast zwei Tage später in Karlshorst, aus der Ullrich ein Kabinettstück historischen Erzählens macht, war nur die Reprise eines bereits vollzogenen Unterwerfungsakts. „Siegesfeiern in allen Hauptstädten von New York bis Moskau“, notierte Ernst Jünger in Kirchhorst in jener Nacht, „während der Besiegte ganz tief im Keller sitzt, mit verhülltem Gesicht.“

          Volker Ullrich: „Acht Tage im Mai“. Die letzte Woche des Dritten Reiches. C. H. Beck Verlag, München 2020. 318 S., Abb., geb., 24,– €.
          Volker Ullrich: „Acht Tage im Mai“. Die letzte Woche des Dritten Reiches. C. H. Beck Verlag, München 2020. 318 S., Abb., geb., 24,– €. : Bild: C.H. Beck Verlag

          In der langen Reihe von Veröffentlichungen zum Kriegsende ist Volker Ullrichs Buch der Antipode zu Walter Kempowskis „Echolot“-Band „Abgesang ’45“. Wo Kempowski in jeder Briefstelle, jeder Tagebuchnotiz das fehlende Puzzleteil zu einem Gesamtbild sucht, kann Ullrich auf knapp zweihundertfünfzig Textseiten immer nur Schnappschüsse eines als Ganzes unfasslichen, jeden Begriff übersteigenden Geschehens liefern. Das beschränkte Format gibt ihm die seltene Freiheit, Zeitgeschichte als Skizze statt als Monumentalfresko anzulegen.

          Mal ist es ein Ereignis, das dabei scharf gestellt wird, wie die Welle von Selbstmorden im vorpommerschen Städtchen Demmin nach der Besetzung durch die Rote Armee oder der Todesmarsch der Insassen aus dem oberfränkischen Konzentrationslager Helmbrechts, mal ist es eine Person. Willy Brandt empfängt während einer Rede in Stockholm „in tiefer Bewegung“ die Nachricht von Hitlers Selbstmord. Wolfgang Leonhard erkundet mit der „Gruppe Ulbricht“ das eroberte Berlin und beobachtet, wie Walter Ulbricht die überlebenden deutschen KPD-Genossen abkanzelt. Marlene Dietrich findet ihre ältere Schwester als Kinobetreiberin in Bergen-Belsen wieder und nimmt ihr gegen großzügige Geldgeschenke das Versprechen ab, über ihre Familie Stillschweigen zu bewahren. Wernher von Braun posiert mit seinen amerikanischen Bewachern für Erinnerungsfotos. Konrad Adenauer übernimmt wieder das Amt des Oberbürgermeisters im zerstörten Köln. Kurt Schumacher gründet in Hannover den ersten Nachkriegs-Ortsverein der SPD, Annemarie Renger wird seine Sekretärin. Filmisch betrachtet, könnte man von einem Wochenschau-Muster sprechen: Haupt- und Staatsaktionen, Kriege, Katastrophen, dazwischen Vermischtes und Kultur.

          Aber Volker Ullrich, langjähriger Sachbuchredakteur der „Zeit“, Hitler-Biograph und Analytiker des Deutschen Kaiserreichs, versteht es, die Fakten so zu arrangieren, dass die Lektüre zum historischen Spaziergang wird, ohne gefällig oder belehrend zu wirken. In seiner Schilderung der Übergabe Hamburgs an die britische Armee vergisst er nicht zu erwähnen, dass der Staatssekretär, der die letzte Rundfunkrede des dortigen Gauleiters Kaufmann abmoderierte, bei den Bürgern der zerbombten Stadt „Onkel Baldrian“ hieß. In der NDR-Mediathek kann man nachhören, warum.

          Es sind einzelne Sätze, Wortblitzlichter, die aus diesem Pastiche der „Stunde null“ in Erinnerung bleiben. Etwa der Zornausbruch eines russischen Offiziers, der über die gut gefüllten Vorratskammern der besiegten Deutschen staunt: „Am liebsten würde ich meine Faust mitten in all diese ordentlichen Reihen von Dosen und Gläsern hineinschmettern.“ Oder das Aperçu des NKWD-Obersten Potaschew, der die im luxemburgischen Bad Mondorf internierten überlebenden Nazi-Größen – unter ihnen die Mitglieder der Regierung Dönitz – verhören durfte: „Sie sehen alle gut aus und gebräunt wie Kurgäste.“ Bei Hannah Arendt findet Ullrich die Diagnose, „die Geschäftigkeit“ der Deutschen sei „ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit“. Natürlich kann man auf zweihundertfünfzig Seiten nicht die ganze Geschichte der letzten Kriegstage in Deutschland ausbreiten. Aber vielleicht muss man das, was nicht bei Volker Ullrich steht, auch nicht unbedingt wissen.

          Volker Ullrich: „Acht Tage im Mai“. Die letzte Woche des Dritten Reiches. C. H. Beck Verlag, München 2020. 318 S., Abb., geb., 24,– €.

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