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Buch über Weltkriegsende : Als alles in Trümmern lag

Ein Bild der „Stunde Null“: der Berliner Reichstag nach dem Ende der Kämpfe Anfang Mai 1945. Bild: dpa

So arrangiert man Zeitgeschichte in überzeugenden Skizzen: Der Historiker Volker Ullrich erzählt vom Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Er macht die „Stunde null“ gegenwärtig.

          3 Min.

          Wer erfand das Wort vom Eisernen Vorhang? Am 2. Mai 1945 benutzte Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk den Ausdruck in einer Rundfunkansprache, in der er den „Heldenkampf“ des deutschen Volkes gegen die „rote Flut“ der anstürmenden Sowjetarmeen beschwor. Hinter deren Front, so Krosigk, gehe „das Werk der Vernichtung der in die Gewalt der Bolschewisten gefallenen Menschen“ weiter. Zehn Tage später nahm Winston Churchill die Wortprägung in einem Telegramm an den amerikanischen Präsidenten Truman auf, bei dem er sich über den sowjetischen Verbündeten beschwerte: „An iron curtain is drawn upon their front.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Schon zweieinhalb Monate zuvor freilich hatte Joseph Goebbels in einem Leitartikel für „Das Reich“ vom „eisernen Vorhang“ gesprochen, hinter dem im Fall einer deutschen Kapitulation „die Massenabschlachtung der Völker“ begänne. Wer die Geschichte des Begriffs noch weiter zurückverfolgt, stößt auf Zeugnisse aus dem Ersten Weltkrieg. Fest steht, dass der Eiserne Vorhang im Frühjahr 1945 im deutschen wie im westalliierten Lager die Runde machte, bis ihm Churchill in seiner berühmten Rede am Westminster College in Fulton ein Jahr später die bis heute gültige Definition gab.

          Der kurze Blick auf das begriffsgeschichtliche Infektionsgeschehen zwischen Goebbels, Krosigk und Churchill ist eine der bemerkenswertesten Passagen in Volker Ullrichs Panorama der „letzten Woche des Dritten Reiches“, weil sie das Drama der Ereignisse in den Horizont ihrer ideologischen Verarbeitung rückt. Mit der Übernahme der Erzählung von der Abschottung Mittel- und Osteuropas unter sowjetischer Herrschaft kündigt sich schon die Nachkriegsordnung an, auch wenn deutsche Soldaten noch vereinzelt gegen Amerikaner, Briten und Franzosen kämpfen.

          Die von Hitler testamentarisch eingesetzte Reichsregierung des Großadmirals Dönitz, in der Schwerin von Krosigk als „Leitender Minister“ und Außenminister fungierte, spielte in diesem Übergangsprozess die Rolle eines Transmissionsriemens. Der Versuch von Dönitz, Krosigk und der Wehrmachtsführung unter Keitel und Jodl, nur vor den Westalliierten zu kapitulieren, scheiterte politisch zwar an der Bündnistreue des amerikanischen Oberbefehlshabers Eisenhower, kam aber auf symbolischer Ebene mit Jodls Unterschrift am 7. Mai in Reims dennoch zum Ziel. Die nachgeholte Kapitulation fast zwei Tage später in Karlshorst, aus der Ullrich ein Kabinettstück historischen Erzählens macht, war nur die Reprise eines bereits vollzogenen Unterwerfungsakts. „Siegesfeiern in allen Hauptstädten von New York bis Moskau“, notierte Ernst Jünger in Kirchhorst in jener Nacht, „während der Besiegte ganz tief im Keller sitzt, mit verhülltem Gesicht.“

          Volker Ullrich: „Acht Tage im Mai“. Die letzte Woche des Dritten Reiches. C. H. Beck Verlag, München 2020. 318 S., Abb., geb., 24,– €.
          Volker Ullrich: „Acht Tage im Mai“. Die letzte Woche des Dritten Reiches. C. H. Beck Verlag, München 2020. 318 S., Abb., geb., 24,– €. : Bild: C.H. Beck Verlag

          In der langen Reihe von Veröffentlichungen zum Kriegsende ist Volker Ullrichs Buch der Antipode zu Walter Kempowskis „Echolot“-Band „Abgesang ’45“. Wo Kempowski in jeder Briefstelle, jeder Tagebuchnotiz das fehlende Puzzleteil zu einem Gesamtbild sucht, kann Ullrich auf knapp zweihundertfünfzig Textseiten immer nur Schnappschüsse eines als Ganzes unfasslichen, jeden Begriff übersteigenden Geschehens liefern. Das beschränkte Format gibt ihm die seltene Freiheit, Zeitgeschichte als Skizze statt als Monumentalfresko anzulegen.

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