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Buch über Weltkriegsende : Als alles in Trümmern lag

Mal ist es ein Ereignis, das dabei scharf gestellt wird, wie die Welle von Selbstmorden im vorpommerschen Städtchen Demmin nach der Besetzung durch die Rote Armee oder der Todesmarsch der Insassen aus dem oberfränkischen Konzentrationslager Helmbrechts, mal ist es eine Person. Willy Brandt empfängt während einer Rede in Stockholm „in tiefer Bewegung“ die Nachricht von Hitlers Selbstmord. Wolfgang Leonhard erkundet mit der „Gruppe Ulbricht“ das eroberte Berlin und beobachtet, wie Walter Ulbricht die überlebenden deutschen KPD-Genossen abkanzelt. Marlene Dietrich findet ihre ältere Schwester als Kinobetreiberin in Bergen-Belsen wieder und nimmt ihr gegen großzügige Geldgeschenke das Versprechen ab, über ihre Familie Stillschweigen zu bewahren. Wernher von Braun posiert mit seinen amerikanischen Bewachern für Erinnerungsfotos. Konrad Adenauer übernimmt wieder das Amt des Oberbürgermeisters im zerstörten Köln. Kurt Schumacher gründet in Hannover den ersten Nachkriegs-Ortsverein der SPD, Annemarie Renger wird seine Sekretärin. Filmisch betrachtet, könnte man von einem Wochenschau-Muster sprechen: Haupt- und Staatsaktionen, Kriege, Katastrophen, dazwischen Vermischtes und Kultur.

Aber Volker Ullrich, langjähriger Sachbuchredakteur der „Zeit“, Hitler-Biograph und Analytiker des Deutschen Kaiserreichs, versteht es, die Fakten so zu arrangieren, dass die Lektüre zum historischen Spaziergang wird, ohne gefällig oder belehrend zu wirken. In seiner Schilderung der Übergabe Hamburgs an die britische Armee vergisst er nicht zu erwähnen, dass der Staatssekretär, der die letzte Rundfunkrede des dortigen Gauleiters Kaufmann abmoderierte, bei den Bürgern der zerbombten Stadt „Onkel Baldrian“ hieß. In der NDR-Mediathek kann man nachhören, warum.

Es sind einzelne Sätze, Wortblitzlichter, die aus diesem Pastiche der „Stunde null“ in Erinnerung bleiben. Etwa der Zornausbruch eines russischen Offiziers, der über die gut gefüllten Vorratskammern der besiegten Deutschen staunt: „Am liebsten würde ich meine Faust mitten in all diese ordentlichen Reihen von Dosen und Gläsern hineinschmettern.“ Oder das Aperçu des NKWD-Obersten Potaschew, der die im luxemburgischen Bad Mondorf internierten überlebenden Nazi-Größen – unter ihnen die Mitglieder der Regierung Dönitz – verhören durfte: „Sie sehen alle gut aus und gebräunt wie Kurgäste.“ Bei Hannah Arendt findet Ullrich die Diagnose, „die Geschäftigkeit“ der Deutschen sei „ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit“. Natürlich kann man auf zweihundertfünfzig Seiten nicht die ganze Geschichte der letzten Kriegstage in Deutschland ausbreiten. Aber vielleicht muss man das, was nicht bei Volker Ullrich steht, auch nicht unbedingt wissen.

Volker Ullrich: „Acht Tage im Mai“. Die letzte Woche des Dritten Reiches. C. H. Beck Verlag, München 2020. 318 S., Abb., geb., 24,– €.

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