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Volker Gerhardt: Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins : Wer mehr will, wird weniger erreichen

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Bild: Verlag C. H. Beck

Denn die anderen waren immer schon da: Der Berliner Philosoph Volker Gerhardt lässt die liberale Öffentlichkeit philosophisch hochleben.

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          Nach einer Bemerkung Kants vollzieht sich alles Denken „gleichsam in Gemeinschaft mit anderen“. Die Begriffe, derer sich der Denkende bedient, sind nämlich nicht sein persönliches Eigentum, sondern Gemeingut, hervorgegangen aus einem Prozess öffentlicher Verständigung. Ebenso wenig wie eine Privatsprache gibt es eine private Begrifflichkeit. Was immer der Einzelne denkend erfasst, mag es auch noch so einzigartig sein, begreift er vielmehr von vornherein anhand allgemeiner Kategorien.

          In den Worten des Berliner Philosophen Volker Gerhardt ist der einzelne Mensch aus diesem Grund „nicht nur als Vertreter seiner Spezies und als Repräsentant seiner Kultur, sondern selbst noch in seinem Selbstverhältnis als Individuum ein exemplarischer Fall öffentlich wirksamer Einsichten“. Sogar wenn er allein mit sich zu Rate gehe, habe er sich deshalb als Homo publicus zu verstehen, wohlwissend, dass er auch seine geheimsten Gedanken nur haben könne, weil sie in Form und Gehalt öffentlich verständlich seien.

          Öffentlichkeit, die „ausgestülpte Vernunft“

          Vor dem Forum einer internalisierten Öffentlichkeit agiert nach Gerhardt nicht nur, wer die Welt und sich selbst denkend zu begreifen sucht, sondern auch, wer mit einem moralischen Problem ringt. Zwar ist der Einzelne hier im Ausgangspunkt mit sich allein. Es ist seine individuelle Frage, die ihn umtreibt, und er muss mit der Entscheidung leben, die er schließlich trifft. Zu einer akzeptablen Antwort gelangt er Gerhardt zufolge jedoch nur, indem er aus sich herausgeht und in eine öffentliche Sphäre überwechselt. Mit Kant gesprochen, müsse er sich reflektierend an alle anderen, die er als seinesgleichen begreife, wenden. Nur solche Handlungen dürfe er sich zur Pflicht machen, die Gegenstand des Wollens aller anderen sein könnten, sofern sie sich in vergleichbarer Lage befänden. „Man könnte sagen, dass die Vernunft den Prozess öffentlicher Prüfung in sich hineinverlegt, um zu einem Vielen und vielem angemessenen Urteil zu gelangen.“

          Sowohl die theoretische als auch die praktische Vernunft des Menschen ist laut Gerhardt demnach als eine „elementare Form von Öffentlichkeit“ zu verstehen. Umgekehrt sei Öffentlichkeit als der Raum, in dem sich die Menschen über ihre Absichten verständigen und über die Ziele ihres Handelns gewaltlos einigen könnten, nichts anderes als „eine ins gesellschaftliche Ganze ausgestülpte Vernunft“. Sie erweitere den Wahrnehmungshorizont einer Gesellschaft, verbessere die Kenntnis der Lage, schärfe das Urteil über die bestehenden Interessengegensätze, korrigiere Fehleinschätzungen, kläre die rechtlichen Voraussetzungen und biete den Akteuren die Möglichkeit, im Kampf um ihren Vorteil die sachlichen Lösungen nicht zu vergessen.

          Die Furcht der Diskurstheoretiker

          Die Vernünftigkeit gesellschaftlicher und namentlich politischer Entscheidungsverfahren werde deshalb durch nichts so wirksam gefördert wie durch die Existenz einer unbehinderten Öffentlichkeit. Wie Gerhardt mit geradezu aufklärerischer Verve formuliert, sei sie „der Raum, in dem sich alle Kenntnisse bilden und verbreiten, in dem sich die Irrtümer erweisen und die Wahrheit ans Licht gelangt“. Zwar sei nicht bewiesen, dass die Menge über mehr Vernunft verfüge als der Einzelne. Gleichwohl biete die über die Öffentlichkeit ermöglichte Partizipation - eben durch die Beteiligung vieler Köpfe - eine statistisch steigende Chance für die Entdeckung von Fehlern sowie für die Berücksichtigung einer größeren Zahl von Gesichtspunkten.

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