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Neue Bücher über Vogelkunde : Wie wär’s mit einem Starenkasten?

  • -Aktualisiert am

Delikat die Farben des Gefieders, artistisch der Flug und variantenreich der Gesang: ein Star Bild: YourPhotoToday/PM

Kognitiv flexibel und doch bedroht: Jennifer Ackermann zeigt, was Vögel so alles können. Und Peter Berthold gibt Tipps, wie man ihnen das Leben leichter machen kann.

          Das wissenschaftliche Studium tierischer Intelligenz wurde lange vom Behaviorismus beherrscht: Man verbat sich, selbst wenn es Ausnahmen gab, jeden Bezug auf interne mentale Prozesse. Seit drei Jahrzehnten ist in der Verhaltensforschung diese Bezugnahme dagegen selbstverständlich geworden, wenn es um die Erforschung kognitiver Fähigkeiten von Tieren geht. Zudem wird die Intelligenz von Tieren nun nicht mehr in Labyrinthen oder anderen angeblich universellen Versuchsanordnungen untersucht. Kognitive Fähigkeiten werden vielmehr als spezifische Anpassungen betrachtet: Tiere können, ebenso wie Menschen, bestimmte Aufgaben gut zu lösen, sich bei anderen, denen kein Stellenwert im Lauf ihrer evolutionären Vorgeschichte zukam, aber extrem „dumm“ anstellen. So sind Schimpansen etwa nicht sonderlich begabt, menschliche Gesichter zu unterscheiden, bei den Gesichtern ihrer Artgenossen haben sie damit jedoch keine Schwierigkeiten.

          Die kognitiven Leistungen von Menschenaffen einzuschätzen ist wegen ihrer evolutionären Nähe zum Menschen noch vergleichsweise einfach. Bei Vögeln ist das schwieriger. Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Jennifer Ackermann zeigt in ihrem Buch, dass Vögel eine Tiergruppe sind, die eine nach unseren eigenen kognitiven Fähigkeiten zugeschnittene Definition von Intelligenz in Frage stellen. Ihr Buch ist eine fast schon enzyklopädische Zusammenfassung der sozialen und kognitiven Leistungen von Vögeln. Als Lebewesen, die in räumlich komplexen Lebensräumen leben und deren Jahreszyklus häufig enorm lange Reisen zwischen Brut- und Überwinterungsplätzen einschließt, ist es wenig verwunderlich, dass viele kognitive Anpassungen räumliche Orientierung und räumliches Gedächtnis betreffen.

          Über die Bedrohung verliert Ackermann nur wenige Worte

          Kiefernhäher vergraben Kiefernsamen in bis zu 5000 verschiedenen, über Hunderte von Quadratkilometern verteilten Verstecken, um den harschen Winter zu überstehen. Die Vögel erinnern sich bis zu neun Monate an die Verstecke und fliegen sie direkt an, ohne Energie mit einer ungezielten Suche zu verschwenden. Buschhäher wissen sogar, was sie wann versteckt haben – sie berücksichtigen die unterschiedliche Haltbarkeit der versteckten Nahrung, wenn sie die Verstecke wiederaufsuchen. Auf der Pazifikinsel Neukaledonien experimentieren Krähen mit verschiedenen Materialien, bis sie verschiedene hakenförmige Werkzeuge zur Futtersuche hergestellt haben. Vögel sind kognitiv flexibel und innovativ, und dies hat ihnen erlaubt, fast alle Lebensräume zu erobern. Die kognitiven Fähigkeiten von Vögeln zu bewundern ist lehrreich, doch Ackermann verliert nur wenige Worte darüber, dass viele Vogelarten bedroht sind.

          Mit dieser Bedrohung setzt sich Peter Berthold in seinem Buch auseinander. Seit dem Ende der neunziger Jahre zeigen ein Drittel aller Vogelarten in Deutschland signifikante Bestandsabnahmen. Der Verlust von Lebensraum und das Insektensterben treiben diese Entwicklung, und für beides ist vor allem die intensive Landwirtschaft verantwortlich, wie zahlreiche Forschungsarbeiten zeigen. Auch nicht zu vernachlässigen ist, dass rund zwei Millionen Hauskatzen vermutlich dreißig Millionen Vögel pro Jahr töten.

          Wie es sich für dieses Genre gehört, ist der Ton in Bertholds Buch manchmal ein bisschen apokalyptisch, doch der Autor, bis 2005 Leiter der Vogelwarte Radolfzell, belässt es nicht beim Problemdiagnosen, sondern zeigt, wie man dieser Entwicklung gegensteuern kann. Berthold stellt ein Konzept vor, das er schon 1988 mit Kollegen am Radolfzeller Max-Planck-Institut entwickelt hat: eine Renaturierung von Lebensräumen, die nur wenig attraktiv für landwirtschaftliche Bewirtschaftung sind. Es geht ihm nicht um die Vernetzung bestehender Biotope, sondern um die Wiederherstellung hochwertiger Lebensräume auf 10 bis 15 Prozent der Fläche der Bundesrepublik.

          Für seine Idee fand er zunächst wenig Unterstützung

          Das Denken in der Ökologie über das Verhältnis von Naturschutz und Landwirtschaft bewegt sich zwischen zwei Polen: Manche Wissenschaftler erhoffen sich von einer allgemeinen De-Intensivierung der Landwirtschaft eine Erholung von Artenbeständen, andere akzeptieren, dass eine intensive – aber möglichst nachhaltige – Landwirtschaft notwendig ist, und plädieren dafür, wenig produktive Flächen der Bewirtschaftung zu entziehen und zu denaturieren. Berthold zählt zum letzteren Lager, fand zuerst für seine Idee kaum politische Unterstützung.

          Doch seit 2017 läuft in acht Bundesländern das Projekt „Jeder Gemeinde ihr Biotop“. Der Autor gibt denn auch konkrete Hinweise und Tipps, was getan werden kann: zur Gestaltung und Erhaltung von Biotopen, zur Anlage von Gärten und zur Vogelfütterung. Sie können Gartenbesitzern Ansporn sein, einige Rezepte Bertholds auszuprobieren, um den genialen Fliegern, deren Fähigkeiten Jennifer Ackermann beschreibt, beizuspringen.

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