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Vjaceslav Ivanovic Ivanov: Dionysos und die vordionysischen Kulte : Einmal von Dionysos zu Jesus und zurück

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Bild: Verlag

Nach achtzig Jahren kann man es endlich bestaunen: Das Werk des russischen Kulturphilosophen Vjaceslav Ivanovic Ivanov.

          5 Min.

          Wenn überhaupt ein antiker Gott überlebt hat, dann Dionysos. Zwar hatten die Römer Dionysos auf den Schrumpfgott Bacchus reduziert, der uns den Wein spendiert. Aber spätestens seit der deutschen Klassik und Romantik ist uns wieder bewusst, welch unvergleichliche Spannweite der Sohn des unsterblichen Zeus und der sterblichen Semele besitzt. Seine Doppelnatur umfasst Unterwelt und Olymp, Natur und Kultur, Leib und Seele, Zärtlichkeit und Brutalität, Leben und Tod, und diese Gegensätze scheinen sich in der dionysischen Ekstase zu versöhnen. Mit seinem Überschwang, dem Aufbegehren gegen Zucht und Ordnung wirkte der rasende Gott schon auf die Griechen befremdlich.

          Aber ist Dionysos deshalb ein Fremder, der den Orgiasmus aus Thrakien oder Phrygien mitbrachte, oder muss man ihn als Griechen anerkennen? Diese Streitfrage scheint entschieden, seit in den Palastruinen von Knossos, Mykene, Theben und Pylos (in Nestors Palast, um 1200 vor Christus) Tontafeln gefunden worden sind, die es erlaubten, die Silbenschrift der mykenischen Kultur zu entziffern. In Pylos tauchte auch der Name Dionysos auf. Vor dieser Entdeckung haben nur wenige in dem Ekstasegott einen Griechen erkannt. Hervorzuheben sind der Frankfurter Altphilologe Walter F. Otto und der russische Dichter und Kulturphilosoph Vjaceslav Ivanov (1866 bis 1949).

          Leidende Heroen

          Aber während Ottos Werk Schule machte, blieb die Lebensarbeit des Moskauers acht Jahrzehnte lang unbekannt, ein Kuriosum der Wissenschaftsgeschichte. Umso dankbarer darf man dem Verlag sein, dass er nun das erstaunliche Buch in einer ansprechenden Übersetzung präsentiert. Es wird nicht leichtfallen, Ivanovs Anregungen in den wissenschaftlichen Diskurs einzubeziehen; denn der romantisch angehauchte russische Symbolist will letzten Endes als Religionsstifter wirken.

          Dabei muss ihm der Ekstasegott helfen: Dionysos-Zagreus, nach orphischer Lehre von Titanen zerstückelt und verzehrt, aber von Olympiern wiederbelebt, wird für Ivanov zum Urbild des leidenden und wiederauferstehenden Gottes. Entsprechend durchforstet der Moskauer Mythenforscher die griechische Sagenwelt mit viel Gelehrsamkeit nach Heroen, die sich nicht nur durch ihre Ruhmestaten auszeichneten, sondern auch durch ihr Leiden, wobei Ivanov das Duldertum (Pathos) in religiöser Überhöhung zu ihrem Hauptmerkmal erklärt. Auf diese Weise gelingt es ihm nicht nur, die wichtigsten „Leidenshelden“ von Pelops bis Herakles und von Theseus bis Achill zu Vorgängern des Dionysos zu stilisieren; vielmehr bringt er die zerstückelte griechische Mythologie auch in einen Zusammenhang, der durchweg dionysischen Geist atmet.

          Garant des unzerstörbaren Lebens

          So weit geht Karl Kerényi nicht, wenn er in seinem Standardwerk über Dionysos (1994) auf den kretischen Namen „Pentheus“ (der Schmerzensreiche) aufmerksam macht: Der Eigenname setze den Mythos von einem Gott voraus, der zeitweilig leidet, dann aber über sein Leiden triumphiert. Das kann nur Dionysos sein. Wir kennen den Namen „Pentheus“ aus den „Bakchen“ von Euripides: Enkel des Kadmos und Neffe der Semele, gibt der thebanische König Pentheus den Verfolger von Dionysos ab, der schließlich selbst verfolgt und von seiner Mutter Agaue und ihren Begleiterinnen in orgiastischem Wahnsinn zerrissen wird.

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