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Vivian Maier: Street Photographer : Bilder einer konzentrierten Stadtgängerin

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Bild: Verlag

Fotografien, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren und uns doch noch erreichen: Ein Band präsentiert den ersten Einblick in das faszinierende Werk von Vivian Maier.

          Street Photography is back. Die Fotografie, die in den fünziger und sechziger Jahren die Öffentlichkeit mit Bildern öffentlichen Lebens versorgte, fasziniert derzeit wieder die Sammler, Ausstellungsmacher und Liebhaber, nachdem dreißig Jahre lang die Gegenbewegung sich breit gemacht hatte: die neue Neue Sachlichkeit mit ihren entleerten, gefühllosen Innenräumen, Landschaften und Städten. Vielleicht ist die erneute Hinwendung zur Straßenfotografie und damit zum Leben nicht nur eine Folge der Übersättigung durch all diese riesigen, farbigen, museumsgerechten Tableaus. Vielleicht bekommt diese Richtung Auftrieb, weil die Straßen und Plätze seit diesem Frühjahr sich wieder in politische Aktionsfelder verwandelt haben. Nichts könnte besser in diese Renaissance passen als der erste Bildband, der uns in das Werk der vor zwei Jahren verstorbenen Fotografin Vivian Maier einführt. Doch zugleich kommt das Erscheinen dieses Werks auf eine tragische Weise zu spät.

          Die Geschichte hat in diesem Jahr schnell die Runde gemacht, als die ersten Ausstellungen mit Werken Maiers gezeigt wurden. Eine alleinstehende Kinderfrau, tätig in New York und Chicago, belichtete von den fünfziger Jahren an bis in die Neunziger geschätzte 100.000 Negative und ließ davon nur einen Bruchteil abziehen - aus Kostengründen. Und so wie ihre Negative nicht die Dunkelkammer erreichten und als Positive ins Licht des Tages traten, so blieb das gesamte Fotoschaffen der Vivian Meier im Dunkel von Schachteln und Kisten. Es ist wohl so, dass diese veritable Closet-Fotografin nie etwas vorgezeigt hat - dabei wusste sie aus Zeitschriften und Büchern über die zeitgenössische Fotografie gut Bescheid, kannte Namen, Stilrichtungen, hätte sich professionellen Rat holen können.

          Eine Frau beschert ihm ein neues Leben

          Aber sie behielt alles für sich, und wenn nicht ein Zufall den Immobilienmakler und Lokalforscher John Maloof 2007 auf einen winzigen Teil ihrer Negative geführt hätte, wäre das Lebenswerk der Vivian Maier für alle Zeiten unsichtbar geblieben. Jetzt betreut John Maloof, überwältigt von der Fülle und Qualität der Aufnahmen, hauptamtlich die Hinterlassenschaft einer Frau, die er nie kennenlernte. Er hat angefangen, selbst zu fotografieren, Straßenszenen aufzunehmen, aus denselben Blickwinkeln, mit der gleichen Kamera, mit der Maier fotografierte: mit einer Rolleiflex. Er hat ihren gesamten Haushalt erworben, die Schuhe, Kleider, Hüte, in denen sie auf ihren Bildern erscheint. Er ist besessen von Maier, er fühlt sich aufgerufen, ihr die Öffentlichkeit zuzuführen, die sie so schnöde missachtet hat.

          Diese Geschichte liegt konträr und doch verführerisch benachbart zu dem Fall Joyce Hatto. Die englische Pianistin gab Konzerte bis zum Jahr 1974, als sie sich zurückzog, und trat danach bis zu ihrem Tod 2006 nie wieder auf. In der Zeit ihres Rückzugs wurde ihr Publikum durch etwa hundert Schallplatten entschädigt, die zusammen ein stattliches Kompendium der großen Klavierliteratur des neunzehnten Jahrhunderts ergaben. Alle diese Aufnahmen hatte ihr Mann im Studio aus den Einspielungen anderer Pianisten zusammengebastelt, eine Fälschung, die ein Jahr nach Hattos Tod aufflog. Einmal liefert also ein Mann einer Frau ein Gesamtwerk nach, unecht, und hält sie damit am Leben, das andere Mal hinterlässt eine Frau einem Mann ihr Oeuvre, echt, und beschert ihm ein anderes, ein neues Leben.

          Sie taucht die Kamera ins Geschehen

          Das Phantastische an diesem ersten Maier-Band ist, dass es so gut wie keine Füllsel oder Wiederholungen gibt. Präzision, Finderglück, Pointensicherheit, Forscherdrang, Bildkonzept sind so weit entwickelt, so absolut sicher instrumentiert, dass man sie eigentlich nur unbarmherzig nennen kann - unbarmherzig vor dem Hintergrund der Tatsache, dass diese Bilder Perfektion an sich darstellen, ohne sich für irgendjemanden, noch nicht einmal für die Fotografin selbst, zeigen zu wollen. Da das Werk als ganzes aus diesem Buch und aus etwa doppelt so vielen Aufnahmen im Internet noch nicht beurteilt werden kann, ist es schwer, über die Verteilung der stilistischen und thematischen Schwerpunkte Auskunft zu geben. Maloof hat außer den Straßenaufnahmen abstrahierende Studien im Stil des Neuen Sehens und der Subjektiven Fotografie ausgewählt, und er hat dem Band eine Reihe von Selbstporträts mitgegeben, von denen man gerne wüsste, wie viele es davon gibt - eine in dieser Qualität fortgesetzte Folge solcher Bildnisse wäre ein Hauptwerk in der langen Geschichte fotografischer Selbstzeugnisse.

          Im Moment sieht es so aus, als konnte Maier an keinem Spiegel oder keiner spiegelnden Schaufensterscheibe vorbeigehen, ohne ein Bild von sich zu machen, das Bild einer ernsten, strengen, total konzentrierten Stadtgängerin. Als Straßenfotografin sollte sie von den Anderen nicht wahrgenommen werden, also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich selbst wahrnehmen, um dann als Bild wieder nicht mehr wahrgenommen zu werden - bis zu John Maloof, bis zu uns hin.

          Das Rezept der Straßenfotografie ist sehr einfach, es muss nur gelingen: Sie taucht die Kamera ins Geschehen und wartet auf den Reim, die Entsprechung, auch auf den redenden Kontrast - zum Beispiel der Zeitungsverkäufer, der über einem Stapel des Magazins „Life“ eingeschlafen ist. Cartier-Bresson, der Meister dieser Klasse, forderte vom Fotografen die „Empfindung plastischer Rhythmen“ beim Mitgehen mit der bewegten Szenerie. Maier hat dieses Verfahren auch im statischen Motiv der Selbstablichtung im entschiedenen Schwarz-Weiß beibehalten: Zwei Augen, zwei Linsen, einmal dunkel, einmal hell, eine helle Hand, eine im Dunkel unsichtbare Hand. Sie macht damit eine Aussage über ihr Ausdrucksmittel, aber auch über sich selbst. Die Familien, die sie beschäftigten, wunderten sich, dass sie nie private Anrufe empfing. Für die Straßenfotografin ist privat so überflüssig wie Grautöne oder Farbe.

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