https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/vinciane-desprets-wie-der-vogel-wohnt-18478952.html

Von Vögeln und Territorien : Der Gesang markiert die Grenze des Selbst

  • -Aktualisiert am

Steckt sein Revier ab: Die Rohrammer trägt kurze Strophen vor, die aus rollenden Einzeltönen bestehen und oft mit einem Triller enden. Bild: Picture Alliance

Wer genauer hinhört, der begreift mehr: Die Philosophin Vinciane Despret macht sich Gedanken über die Territorialität von Vögeln. Auch deren Erforschung nimmt sie genau ins Visier.

          2 Min.

          Die Lockdowns während der Covid-Pandemie hielten für Wissenschaftler einige Überraschungen bereit: Seismologen nahmen Signale auf, die normalerweise im konstanten Umweltlärm nicht messbar waren, und Ornithologen beobachteten, dass Singvögel in Städten plötzlich weichere und komplexere Gesänge produzierten. Die Kombination von weniger Hintergrundlärm und einer größeren Frequenzbandbreite der Gesänge führte dazu, dass sich die singenden Männchen über eine doppelt so weite Entfernung als üblicherweise hören konnten.

          Die Wissenschaftsphilosophin Donna Haraway prägte den Begriff „Phonozän“, um zu beschreiben, wie menschliche Aktivität mehr und mehr die akustischen Landschaften – das Donnern und Knarren der Erde, aber auch die Gesänge der Vögel – transformiert. Gesang ist bei vielen Vogelarten ein wesentliches Instrument der Strukturierung ihres Lebensraumes in der Fortpflanzungsphase des Jahreszyklus und untrennbar verbunden mit der Territorialität von Vögeln.

          Aggression und Verteidigung

          Das neue Buch der belgischen Philosophin Vinciane Despret nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Forschungsgeschichte zur Territorialität der Vögel und beschreibt, wie Vögel ihre Lebenswelt konstruieren und wie Biologen versuchen sie zu verstehen. Sie sondiert die gängige Vorstellung von Territorien als Privateigentum und von Vögeln als Kleinbürgern, die dieses Eigentum verteidigen. Wer ein Buch über die Naturgeschichte der Territorialität von Vögeln erwartet, mit Kapiteln über Kommunikation, Nahrungssuche und Brutgeschäft, muss sich auf eine Überraschung gefasst machen.

          Vinciane Despret: „Wie der Vogel wohnt“.
          Vinciane Despret: „Wie der Vogel wohnt“. : Bild: Matthes & Seitz Verlag

          Despret, eine Pionierin der „animal studies“, bezieht sich gerne auf Philosophen und Wissenschaftsforscher wie Donna Haraway, Bruno Latour oder Isabelle Stengers, die versuchen, mit neuen Erzählformen die eng miteinander verstrickten Beziehungen zwischen Menschen, nicht menschlichen Lebewesen und Technologien zu würdigen. Im Fokus ihres Buches stehen neben den Vögeln die Wissenschaftler, die die Territorialität der Vögel erforschen, die Fragen, die diese Wissenschaftler stellen und der Umstand, dass sie diese und nicht andere Fragen für wichtig befinden. Während Territorialität lange nur im Kontext von Aggression und Verteidigung von „Besitz“ gesehen wurde, arbeitet Despret heraus, wie komplex das Verhältnis zwischen Vogel, Gesang, Territorium und der Gemeinschaft der Vögel ist – und was es aus der Sicht eines Vogels bedeutet, territorial zu sein.

          Geduld ist gefragt

          So zeigt sie zum Beispiel, dass es sich beim Territorium eines Vogels weniger um eine „Fläche“ handelt, sondern um das Ergebnis komplexer Schichtungen. Die in den Vereinigten Staaten vorkommenden Dreifarbenstärlinge leben in Territorien, deren dichte Vegetation ein Dach aus Rohrkolben bildet. Alles, was über dieser Vegetation liegt, ist nicht territorialisiert – der Himmel gehört jedem Vogel. Der vom Vogel beanspruchte Raum ist kein Eigentum, sondern ein vergrößertes Selbst, dessen Grenzen durch Singen markiert werden.

          Chorgesänge von Vögeln in italienischen Wäldern zeigen, wie die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern für den richtigen Moment, die richtige Tageszeit oder die Abstände von Überlagerungen eine variantenreichere und gehaltvollere Wirklichkeit des Vogelgesanges und seiner Funktionen offenbart als frühere Theorien. Der Aufmerksamkeit der Vögel füreinander müssen Wissenschaftler aufmerksam begegnen.

          Desprets Buch zeigt an all diesen Beispielen, wie sehr sich die Biologie schon immer – und insbesondere in der Gegenwart mit neuen Möglichkeiten der Datensammlung und Datenspeicherung – mit Details und Besonderheiten befasst hat. Inzwischen spielen Persönlichkeiten, Lebensgeschichten, soziale Beziehungen oder kulturelles Lernen wichtige Rollen in der Verhaltensforschung. Vinciane Desprets faszinierendes, aber forderndes Buch zeigt die Biologie als Wissenschaft, die die Eigenartigkeiten anderer Lebensweisen erschließt und dabei ein großes Maß an Geduld voraussetzt.

          Vinciane Despret: „Wie der Vogel wohnt“. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2022. 250 S., geb., 24,– €.

          Weitere Themen

          Mehr Transparenz

          Empfehlungen für den NDR : Mehr Transparenz

          Der NDR-Landesrundfunkrat Schleswig-Holstein glaubt nicht, dass es im Funkhaus Kiel politische Beeinflussung gab. Gleichwohl gibt das Gremium dem Sender ein paar dringende Ratschläge.

          Rollback im ORF

          Rücktritte und Finanzstreit : Rollback im ORF

          In Österreich musste ein ORF-Chef zurücktreten. Er soll zugunsten der ÖVP ins Programm eingegriffen haben. Die Vorwürfe sind nachvollziehbar, doch das Bild ist einseitig.

          Topmeldungen

          Wirtschaftsminister Robert Habeck

          Habeck in Washington : Der China Reduction Act

          Wirtschaftsminister Habeck ist zu Gesprächen in Washington. Es geht um die amerikanische Subventionsoffensive und wie europäische Unternehmen stärker davon profitieren können. Der Plan dahinter reicht aber noch weiter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.