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: Vier ist schüchtern und still

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Er hat sich noch nie geirrt. Daniel Tammet rechnet schneller und präziser als jeder Computer dieser Welt. Bittet man ihn, 13 durch 97 zu teilen, bekommt man ein Ergebnis, das mehr als hundert Stellen nach dem Komma umfasst. Er bildet mühelos die vierte Potenz der Zahl 37 und kann die mathematische Konstante Pi bis auf 22 514 Stellen nach dem Komma aus dem Gedächtnis aufsagen.

          Er hat sich noch nie geirrt. Daniel Tammet rechnet schneller und präziser als jeder Computer dieser Welt. Bittet man ihn, 13 durch 97 zu teilen, bekommt man ein Ergebnis, das mehr als hundert Stellen nach dem Komma umfasst. Er bildet mühelos die vierte Potenz der Zahl 37 und kann die mathematische Konstante Pi bis auf 22 514 Stellen nach dem Komma aus dem Gedächtnis aufsagen. Wenn Daniel Tammet eine Zahl durch eine andere teilt, sieht er vor seinem inneren Auge eine Spirale, die sich in immer größer werdenden Windungen und Schleifen nach unten schraubt. Von Primzahlen fühlt er sich magisch angezogen, weil sie sich glatt und rund anfühlen, wie Kieselsteine am Meer.

          Innerhalb von nur einer einzigen Woche lernt Daniel Tammet eine völlig neue Sprache - zehn beherrscht er mittlerweile, darunter hochkomplizierte Sprachen wie Walisisch und Isländisch. Sein Gehirn ist ein gigantisches, perfekt sortiertes Lagerhaus, gefüllt mit Informationen, die jederzeit abrufbar sind. Zahlen nimmt Tammet als Farben wahr. Hinzu kommt, dass für ihn jede Ziffer auch noch eine ganz bestimmte Form und Struktur aufweist. Wissenschaftler nennen diese Begabung Synästhesie. Sie tritt bei nicht einmal einem Prozent der Bevölkerung auf. Das Besondere bei Daniel Tammet jedoch ist, dass seine Synästhesie zusammen mit einer leichten Form von Autismus, dem Asperger-Syndrom, auftritt. Das macht ihn zu einem Wunder.

          Menschen wie ihn nennt man Savants, Inselbegabte. Nur etwa hundert dieser Genies gibt es weltweit. Der berühmteste von ihnen heißt Kim Peek, wegen seines brillanten Gedächtnisses nennt man ihn auch Kimputer. Er inspirierte den Regisseur Barry Morrow zu dem Film "Rain Man", der später mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. Savants, das sind Menschen, die nicht wissen, wie man einen Schuh zubindet, aber zwanzig Sprachen fließend sprechen, die große Mühe haben, rechts und links zu unterscheiden, aber meisterhaft Klavier spielen, die einen Disney-Film nicht verstehen, aber den Inhalt von Tausenden von Sachbüchern speichern können. Sie sind meistens schwer behindert und unfähig, anderen Zutritt zu ihrem abgezirkelten Kosmos zu gewähren. Ihre Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt bleibt in der Regel ein gut gehütetes Geheimnis.

          Bei Daniel Tammet ist das anders. Er kann sich selbst beobachten, kann zur Seite treten, seine mentalen Fähigkeiten analysieren und beschreiben. Er weiß, wie sein Gehirn tickt. Darüber hat er ein Buch geschrieben, das nun ins Deutsche übersetzt wurde und den Titel "Elf ist freundlich und Fünf ist laut" trägt. Dieses Buch ist eine Sensation, weil es uns einen einzigartigen Einblick in die Welt der Savants gewährt. In einem anrührenden Ton, der nie ins Pathetische kippt, erzählt es die erstaunliche Lebensgeschichte Daniel Tammets.

          Seine Inselbegabung trat urplötzlich auf, nach einer Reihe epileptischer Anfälle in seiner frühen Kindheit - damit fällt er in die Kategorie des, wie es heißt, erworbenen Savant-Syndroms. Für jeden Wissenschaftler ist der achtundzwanzig Jahre alte Brite eine Goldgrube, das perfekte Forschungsobjekt. Und Daniel Tammet lässt sich nur allzu gerne erforschen. Darold A. Treffert, der ehemalige Chef der psychiatrischen Abteilung am St. Agnes Hospital in dem amerikanischen Städtchen Fond du Lac, schreibt im Vorwort des Buches: Nun sei es möglich, die Beschreibungen eines Inselbegabten mit neuropsychologischen Untersuchungen in Beziehung zu setzen. Alles drehe sich schließlich nur um die eine Frage: "Wie machen die das bloß?" Wie funktioniert das Gehirn eines Savants? Wer weiß, fragt sich der Psychiater, vielleicht schlummert ja in uns allen dieses übermenschliche Potential, vielleicht existiert in jedem von uns ein "Rain Man", ein Wunderkind. Vielleicht bedarf es ja einfach nur des richtigen Auslösers, um unsere natürlichen Grenzen zu überschreiten. Es ist verlockend, diesen Gedanken zu Ende zu denken, sich in allen Details auszumalen, wie es wäre, in seiner Haut aus seiner Haut zu können. Wie es wäre, das Natürliche zu überlisten. Daniel Tammets Begabung gehe über alles Menschliche hinaus, sagt seine Lehrerin Sirrý aus Reykjavík, die ihm Isländisch beibrachte. Damit hat sie recht und unrecht zugleich.

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