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: Vier Brandbeschleuniger

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Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist die Welt im Geltungsbereich von Christentum, Judentum und insbesondere des Islams wieder mit einer der ältesten Plagen der Menschheit konfrontiert, der religiös begründeten Gewalt. Hans G. Kippenberg will dieses Phänomen nicht nur in vergleichender Perspektive ...

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          Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist die Welt im Geltungsbereich von Christentum, Judentum und insbesondere des Islams wieder mit einer der ältesten Plagen der Menschheit konfrontiert, der religiös begründeten Gewalt. Hans G. Kippenberg will dieses Phänomen nicht nur in vergleichender Perspektive analysieren, sondern auch - nicht ganz unbescheiden - ein "neues Forschungsparadigma" zu seiner Erklärung anbieten. Entstanden ist ein bedeutendes Buch, dessen Lektüre sich lohnt, weil es eine Tiefenströmung der gegenwärtigen Welt auf den Begriff bringt und zum Verständnis religiös begründeter Gewalt wie des Terrorismus beiträgt. Die Studie hat eine doppelte Struktur: In den Kapiteln drei bis zehn werden mit Hilfe der historischen Methode acht Fälle von Gewalthandeln untersucht. Der Autor rekonstruiert die Selbstauslegung der Akteure, insbesondere religiös begründete Deutungen von Kämpfen und Konflikten. Dagegen werden in den ersten beiden Kapiteln und der Schlussbetrachtung Begriffe erläutert, alternative Forschungshypothesen kritisiert und die einzelnen Fälle leitmotivisch in übergreifende Problemlagen integriert, wie "Gewalt als religiöse Gemeinschaftshandlung", "Machtzuwachs religiöser Vergemeinschaftung" oder "Heilsgeschichtliche Szenarien religiöser Gewalt".

          Um seinen eigenen Interpretationsansatz zu gewinnen, kritisiert Kippenberg die Thesen des Ägyptologen Jan Assmann, der einen notwendigen Kausalzusammenhang zwischen dem Glaubensmonopol monotheistischer Religionen und ihrem Gewaltpotential behauptet: "Ich bin der Herr, Dein Gott . . . Du sollst keine anderen Götter neben mir haben". Der Zusammenhang zwischen Monotheismus und Gewalt sei, so Kippenberg, kontingent, er sei weder notwendig, noch sei er unmöglich. Religionen seien selten die eigentliche Brandursache, sie hätten häufig als Brandbeschleuniger gewirkt. Religiöse Gewalthandlungen entwickelten sich in Wechselwirkung mit politischen, sozialen und kulturellen Konflikten. Deshalb mobilisiere ein bestimmter Typus religiöser Gemeinschaften erst dann ein enormes Gewaltpotential, wenn sich diese Gemeinschaften durch politische, soziale oder kulturelle Entwicklungen in ihrer Existenz und Identität, ihrer Mission und ihrem Heilsauftrag gefährdet sehen.

          Aber selbst Kippenberg muss anerkennen, dass Judentum, Christentum und Islam - als Träger der von Abraham gegebenen Verheißung - Gemeindereligionen par excellence seien, die in sich das Potential trügen, ihre Mitglieder in einen Fundamentalkonflikt mit sozialen Ordnungen und in die Gewalt zu treiben; die Anerkennung der Menschenrechte jedes Menschen sowie die rechtstaatliche Ordnung zu unterminieren und schließlich den Anspruch des neuzeitlichen Staates aus den Angeln zu heben, das Heilsverlangen der Menschen zu entpolitisieren.

          Besonders vier Charakteristika religiöser Vergemeinschaftungen sind gleichsam eingebaute Zeitzünder und besonders geeignet, als Brandbeschleuniger zu wirken: Wenn die Gemeinschaft selbst Adressat einer Heilszusage und Teil einer transzendenten Gemeinschaft aller Erlösten sei (Volk Gottes, Kirche, Umma); wenn die Binnenkultur der Gemeinschaft von einer Brüderlichkeitsethik bestimmt sei; wenn die Gemeinschaft von ihren Mitgliedern in Zeiten der Not die Bereitschaft verlangen könne, für Gott und Glauben als Märtyrer zu sterben; und wenn man von der Außenwelt verlange, die Legitimität und Legalität ihrer inneren Ordnungen anzuerkennen. Mit diesen Begriffen und Hypothesen analysiert der Autor die Realisierung des religiösen Gewaltpotentials in acht Fällen, an erster Stelle die Konflikte mit alternativen Religionsgemeinschaften in den Vereinigten Staaten in den Jahren 1978 und 1993 - mit den "Peoples' Temple", der in Mord und Selbstmord der Gruppe in Guayana endete, sowie mit einer adventistischen Gemeinde aus Waco (Texas), die im Feuer eines staatlich legitimierten "Befreiungsangriffs" unterging.

          Von einer ganz anderen Größenordnung ist der zweite Fall, die Mobilisierung religiös begründeter Gewalt im Iran während und nach der Revolution schiitischer Kleriker unter der Führung Khomeinis, die selbst Kinder bedenkenlos in den Märtyrertod trieb. Dann widmet sich Kippenberg dem Eingreifen der "Partei Gottes" (Hizbullah) in den libanesischen Bürgerkrieg, der heilsgeschichtlichen Umdeutung der zionistischen Besiedlung Palästinas durch orthodoxe Juden und der Herausbildung eines gewaltbereiten Islamismus in Palästina sowie einer kriegerischen Gesinnungsethik - mit der Konsequenz, dass die Gewalt von Hamas heilsgeschichtlich begründet wird. Die protestantischen Zionisten in den Vereinigten Staaten, die den Nahost-Konflikt als endzeitlichen Kriegsschauplatz deuten, nimmt der Autor ebenso ins Visier wie die heilsgeschichtliche Sicht des islamischen Kampfes gegen die Zivilisation der westlichen Moderne und das Reich des Bösen durch Bin Ladin und die islamischen Terroristen. Schließlich stellt er die manichäische Deutung des 11. Septembers 2001 durch die Regierung von George W. Bush vor, die nach Ansicht Kippenbergs als spiegelbildliche Symmetrie zur Konzeption Bin Ladins zu interpretieren sei.

          Hans G. Kippenberg: Gewalt als Gottesdienst.

          Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung.

          Verlag C.H. Beck, München 2008. 242 S., 19,90 [Euro].

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