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: Vertrieben aus dem Pferdeparadies

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Patricia Clough widmet sich nicht allein der Flucht von Menschen und Tieren, sondern sie schildert auch jenes Ostpreußen, das mit dem Einfall der Roten Armee unwiederbringlich verlorenging und dessen Bild auch Marion Gräfin Dönhoff in ihrem Buch "Kindheit in Ostpreußen" bewahrt hat. Die meisten Bauern Ostpreußens hatten ein oder zwei Stuten im Stall: eine der Besonderheiten der Trakehner-Zucht, die nicht allein großen staatlichen oder privaten Gestüten vorbehalten war. Den Tieren galt der Stolz der Familie. Daran hat sich nichts geändert; bis heute ruht die Trakehnerzucht auf Privatzüchtern, von denen die meisten ein bis zwei Stuten besitzen. Deren besondere Bedeutung läßt sich übrigens schon daran erkennen, daß die Namen von Trakehner-Fohlen mit dem Anfangsbuchstaben der Mutter, und nicht, wie bei anderen Warmblutzuchten, mit dem des Vaters beginnen.

Trakehnen hatte schon früher geräumt werden müssen, 1806 und 1812 in den Napoleonischen Kriegen, erneut 1914, als die sechshundert wertvollsten Tiere mit Sonderzügen nach Westen gebracht wurden. Die letzte Evakuierung 1944 bedeutete das Ende Trakehnens und hätte fast das Ende der gesamten Zucht nach sich gezogen. Das wahnsinnige Verhalten des Gauleiters Erich Koch, der sich weigerte, die Gefahr der vorrückenden Roten Armee wahrzunehmen, verhinderte im Sommer 1944 eine rechtzeitige Flucht. Landstallmeister Ernst Ehlert bat Koch mehrfach um die Erlaubnis, Trakehnen zu evakuieren. Kochs Antwort war zynisch: "Falls die Russen vorübergehend vorstoßen sollten, können die Trakehner ja im Wettlauf mit den sowjetischen Panzern ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen." Schließlich erlaubte er, die Hauptbeschäler und hundert der wichtigsten tragenden Stuten in Sicherheit zu bringen. Mit diesen Pferden, deren Zahl Ehlert heimlich aufstockte, gingen zwei Truhen mit Dokumenten und Gemäldeporträts der wichtigsten Hengste im Zug auf die Reise in den Westen. Erst nachdem am 17. Oktober 1944 der offizielle Befehl zur Räumung erging, wurden die übrigen Pferde in Herden auf den Weg gebracht. Tausende schlossen sich dem Treck mit ihren Tieren an.

Die Flucht, bei der sie vor Wagen gespannt wurden, die oft mit der ganzen Habe von Familien beladen waren, war auch für die Pferde extrem strapaziös. Es gab kaum Futter, oft wurde einen ganzen Tag lang nicht einmal zum Tränken angehalten. Die Temperatur sanken auf bis zu zwanzig Grad Minus, Schlamm, Schnee und Eis erschwerten das Vorwärtskommen. Fohlen verhungerten im Mutterleib, erschöpfte und verletzte Tiere brachen zusammen. Ihre Kadaver blockierten den Weg, der am Ende nur noch über das zunächst vereiste, dann tauende Haff führte.

Die Autorin läßt weder Mensch noch Tier zu kurz kommen; sie berichtet vom Schicksal der Pferde anhand von Familien, deren schwierigen Weg in den Westen sie nachzeichnet. Nicht immer gelingt ihr die Balance zwischen geschichtlicher Rekonstruktion und Nacherzählung; allzu oft tut sie so, als sei sie dabeigewesen, wenn sie Peitschen knallen und Pferde sich aufbäumen läßt. Die Fakten, die sie zusammenträgt, bedürfen einer solchen zusätzlichen Dramatisierung nicht.

Von den 26 000 Stuten und 852 Hengsten, die bei Kriegsende im "Stutbuch für Warmblut-Trakehner-Abstammung" eingetragen waren, überlebten siebenhundert Stuten und sechzig Hengste. Von den wenigen, die den über tausend Kilometer weiten Weg geschafft hatten, fielen viele den von den Besatzungsmächten angeordneten Zwangsschlachtungen zum Opfer. Patricia Clough spricht noch eine weitere Tragödie an: die Ablehnung, die vielen Flüchtlingen und ihren Pferden bei der Ankunft im Westen entgegenschlug. "In den Jahren nach dem Krieg gab es einen entschiedenen Widerstand gegen die Vorstellung, Trakehner zu züchten, zu verwenden oder auch nur ihr Überleben zu sichern." Sieht man über den gelegentlich etwas reißerischen Stil hinweg, liest sich Patricia Cloughs Buch nicht nur als erschütternder Bericht der Flucht aus Ostpreußen. Die Trakehner-Pferde sind ein Kulturgut. Ein Porsche ist es nicht.

FELICITAS VON LOVENBERG

Patricia Clough: "In langer Reihe über das Haff". Die Flucht der Trakehner aus Ostpreußen. Aus dem Englischen übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004. 207 S., geb., 19,90 [Euro].

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