https://www.faz.net/-gr3-qh97

: Verrisse und Lobreden sind seine Liebesschwüre

  • Aktualisiert am

Über keinen deutschen Literaturkritiker sind zu seinen Lebzeiten so viele Bücher geschrieben worden wie über Marcel Reich-Ranicki: Es gibt Darstellungen seines Lebens und Wirkens, Sammlungen von Aufsätzen über ihn und seine Aktivitäten, Briefe und Interviews, polemische Streit- und rühmende Festschriften, ...

          3 Min.

          Über keinen deutschen Literaturkritiker sind zu seinen Lebzeiten so viele Bücher geschrieben worden wie über Marcel Reich-Ranicki: Es gibt Darstellungen seines Lebens und Wirkens, Sammlungen von Aufsätzen über ihn und seine Aktivitäten, Briefe und Interviews, polemische Streit- und rühmende Festschriften, dazu eine opulente Bildbiographie; und sogar zur literarischen Figur in mehr oder weniger fiktiven belletristischen Werken ist er gemacht worden. Er ist ohne Zweifel ein aufsehenerregender literarischer Zeitgenosse, dem Wut und Bewunderung, Hohn und Hochachtung entgegengebracht werden, der jedenfalls aber die Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit findet. Sie gilt dem urteilsfrohen Kunstrichter ebenso wie dem temperamentvollen Medienstar und dem Schriftsteller Reich-Ranicki, dessen Autobiographie "Mein Leben" zu einem in viele Sprachen übersetzten Bestseller wurde.

          Reich-Ranicki hat das jüngste Buch über Reich-Ranicki dadurch promoviert und geadelt, daß er dessen Verfasser Uwe Wittstock auf seinen Lesereisen begleitete und ihm so nicht nur ein stets großes Publikum verschafft, sondern diese Darstellung seines Lebens dadurch auch gewissermaßen autorisiert hat.

          Er sympathisiert offensichtlich mit seinem Biographen, was nicht verwunderlich ist, denn Wittstock schreibt seinerseits mit unverhohlener Sympathie über Reich-Ranicki: "ich mag ihn". Die beiden kennen sich seit längerem. Wittstock war, als Reich-Ranicki den Literaturteil dieser Zeitung leitete, in den Jahren 1980 bis 1989 als Redakteur sein Kollege. Heute arbeitet er als Kulturkorrespondent der "Welt" in Frankfurt am Main.

          Das Buch rekapituliert in acht Kapiteln die weithin bekannten Lebensstationen Marcel Reich-Ranickis: seine Kindheit und Jugend im polnischen Wloclawek und in Berlin (1920 bis 1938), das Leben im Warschauer Getto und die Flucht daraus (1939 bis 1943), die Tätigkeiten im polnischen Militär und kommunistischen Auslandsgeheimdienst in London (1944 bis 1949), den "langen Weg zurück zur Literatur" in Polen als Verlagslektor und marxistisch orientierter Literaturkritiker (1950 bis 1958), die Phase der Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland, wo er als Kritiker der "Zeit", als Herausgeber zahlreicher Anthologien und als Juror schnell und anhaltend zu einer zentralen Figur des Literaturbetriebs wurde (1958 bis 1972). Dann folgten die Jahre als leitender Redakteur für Literatur und literarisches Leben bei dieser Zeitung (1973 bis 1988) und schließlich der bis in die jüngste Zeit reichende Lebensabschnitt, in dem er mit seinem "Literarischen Quartett" und mit der anschließenden Fernsehsendung "Reich-Ranicki solo" zum "Popstar der Kritik" emporstieg.

          Vor dieses letzte Kapitel, in dem auch die Auseinandersetzung mit Martin Walser im Anschluß an dessen Roman "Tod eines Kritikers" ihren Platz findet, hat Wittstock unter dem Titel "Freundschaften, Feindschaften" einige der stets auch öffentlich verhandelten Verhältnisse und Affären zwischen Reich-Ranicki und namhaften Autoren wie Böll, Raddatz, Grass, Rühmkorf, Fest, Walter Jens und anderen eingeschaltet.

          Wittstocks Buch praktiziert auf beeindruckende Weise die journalistischen Tugenden einer lebendigen und illustrativen Schreibweise und der sorgfältigen Recherche. Natürlich gehört Reich-Ranickis Lebensbeschreibung zu den bevorzugten Quellen, aus denen reichlich zitiert wird, und ebenso selbstverständlich hat Wittstock die bisher vorliegenden Arbeiten über Reich-Ranicki frequentiert, darunter das vorzügliche Buch von Thomas Anz (F.A.Z. vom 2. Juni 2004), mit dem es bis in die Kapitelüberschriften hinein mancherlei Übereinstimmungen gibt; zusätzlich kann sich Wittstock auf eine Reihe von Interviews beziehen, die er zu einzelnen Stationen und Affären mit Beteiligten geführt hat, zum Beispiel mit Joachim Fest, dem Reich-Ranicki in seiner Autobiographie eine einseitige Parteinahme für Noltes Positionen im sogenannten Historikerstreit vorgeworfen hatte. Versöhnlich fallen die mitgeteilten Interview-Äußerungen von Walter Jens und Günter Grass aus, mit denen es ebenfalls zu heftigen Kontroversen gekommen war.

          Wie jeder, der sich auf das Leben und Werk dieses Kritikers einläßt, unternimmt auch Wittstock den Versuch, das Phänomen Reich-Ranicki deutend zu erklären. Wiederholt begegnet in diesem Zusammenhang das Bild des Außenseiters, des Nichtzugehörigen; daß die Tatsache der Ausgrenzung als Jude für ihn prägend war und ihn ein für allemal für alle Erscheinungsformen der Aussonderung sensibilisiert hat, ist angesichts der Verfolgung, der Deportation, der Morddrohungen und der tatsächlichen Ermordung mehrerer seiner Familienmitglieder durch die Nazis, die er erfahren mußte, nicht verwunderlich. Ein Wunder ist es dagegen, daß er trotz solcher Erfahrungen seine Heimat nach wie vor in der deutschen Literatur und Musik sieht, und man sollte dieses Wunder nicht dadurch entwerten, daß man Reich-Ranickis Lebensleistung gewissermaßen als bloße Sublimationsleistung und als permanente Bemühung um Anerkennung und Zugehörigkeit diskreditiert. Er ist längst schon kein Außenseiter mehr, sondern ein erklärter, unverbesserlicher Liebhaber der deutschen Poesie. Seine Verrisse und seine Lobreden sind in gleicher Weise Liebesschwüre. Die Liebe ist das eigentliche Movens seiner Tätigkeit als Literaturkritiker.

          Uwe Wittstock: "Marcel Reich-Ranicki". Geschichte eines Lebens. Karl Blessing Verlag, München 2005. 288 S., geb. 20,- [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In einem mobilen Impfzentrum im sächsischen Markkleeberg lässt sich eine Bürgerin am 10. Mai 2021 gegen Covid-19 impfen.

          Repräsentative Studie : Was die Sachsen über Corona denken

          Ist Sachsen ein Land der „Querdenker“? Ja und nein, ergab eine repräsentative Studie. Besonders weit gehen die Meinungen bei Leuten auseinander, die selbst eine Corona-Erkrankung durchgemacht haben.
          Ein Containerschiff läuft aus dem Hafen von Yantian aus

          Hafen von Yantian : Mega-Stau lähmt den Welthandel

          Unternehmen warten jetzt schon wochenlang auf Waren. Nun droht ein noch größerer Engpass als nach dem Stillstand im Suezkanal: Der Verkehr im Containerhafen Yantian in Shenzhen ist zur Hälfte lahmgelegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.