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: Vernunft ist ansteckend

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Erinnerungsbücher haben dadurch Bestand, daß sie nachwachsende Generationen nicht gleichgültig lassen. Für Maria Frisé tauchte das Problem gar nicht erst auf; es war ihre Enkelin, die den Anstoß zu dem Buch "Meine schlesische Familie und ich" gab. Es geschah während einer Reise nach Polen, wo ein ...

          Erinnerungsbücher haben dadurch Bestand, daß sie nachwachsende Generationen nicht gleichgültig lassen. Für Maria Frisé tauchte das Problem gar nicht erst auf; es war ihre Enkelin, die den Anstoß zu dem Buch "Meine schlesische Familie und ich" gab. Es geschah während einer Reise nach Polen, wo ein Filmregisseur beide zusammen mit einer aus Lemberg vertriebenen und nach Breslau ausgesiedelten Familie befragte. Maria Frisé führte ihre Enkelin in das Patrizierhaus am Breslauer Ring, das dem Kaufmannszweig der Familie gehört hatte, und zum Gut und Schloß Lorzendorf, in dem sie als Maria von Loesch ihre Kindheit verbrachte und in dem man nun polnische Alkoholiker von ihrer Sucht zu befreien versuchte. Nach mehreren Versorgungsfahrten mit Medikamenten und anderen Hilfsgütern nach Schlesien bedrängten die Erinnerungen die Vertriebene nicht mehr allzusehr, aber nun war es die Enkelin, die sagte: "Schreib das doch auf!"

          Nicht zum erstenmal wendet sich die Journalistin und Autorin mehrerer Erzählungsbände ihrer eigenen Vergangenheit zu. "Eine schlesische Kindheit" (1990) fand viele Leser. Das neue Buch ist die Generationengeschichte einer schlesischen Adelsfamilie, deren eine Linie zu den Grafen von Zedlitz und Trützschler führt (der Urgroßvater regierte Schlesien als Oberpräsident). In dieser Familiengeschichte kristallisiert sich viel von der politischen und wirtschaftlichen Geschichte Schlesiens, die "Ahnentafel" füllt sich mit satter Anschauung vom Leben, zumal dem Gutsleben der Vorfahren. Was leicht zu einer trockenen Adelsfamilienchronik hätte werden können, erzählt Maria Frisé als die Geschichte von lauter Individuen. Wo man auf eine Porträtgalerie gefaßt war, treten sehr lebendige Menschen hervor: mit ihren eigenen Neigungen, Schwächen und Sonderheiten, mit ihrer Art, sich zu bilden und zu arbeiten, zu trauern und zu feiern.

          Gerade als die Aufmerksamkeit des Lesers bei der Revue der Namen, Personen und Orte nachzulassen droht, bricht in der Chronologie der Generationengeschichte jenes Ereignis herein, das plötzlich alle bisherigen Standesvorteile hinwegfegt und die Jugend der Erzählerin jäh beendet: Es ist nicht so sehr der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als vielmehr der Einmarsch der Roten Armee. Die Achtzehnjährige, jung verheiratet mit ihrem Vetter Hans-Conrad Stahlberg, der sie als Offizier zunächst noch begleitet, gerät auf die überfüllten Routen der Flüchtlingstrecks, nach einem Zwischenaufenthalt in der Lüneburger Heide bei ihrem Onkel, dem von Hitler entlassenen Generalfeldmarschall Erich von Manstein, über Umwege schließlich nach Schleswig-Holstein. Viele der an die Weiträumigkeit von Schlössern Gewöhnten hausen nun in viel weniger Wohnraum als früher die Häusler ihrer Güter.

          Noch einmal wird Maria Frisé aufgefangen. Mit dem Umzug in die Nähe von Hamburg beginnt eine wirtschaftliche Karriere ihres Mannes, die sich dem Aufbauwunder der fünfziger Jahre verdankt. Ein Foto aus dem Jahre 1952 zeigt - drei Söhne sind inzwischen geboren - anscheinend schöne Familieneintracht. Aber die beiden Pole der Familie driften auseinander. Der Mann will seinen neugewonnenen Wohlstand auch repräsentiert sehen, die Frau hat ihre geistig-literarischen Interessen entdeckt und findet keinen Sinn in der Wiederherstellung einer ländlich-konservativen Familientradition. Sie begegnet Adolf Frisé, dem Schriftsteller, Journalisten, Herausgeber der Werke Robert Musils und späteren Chef der Hauptabteilung "Kulturelles Wort" beim Hessischen Rundfunk. Er hilft ihr beim Eintritt in eine neue Welt der Kultur. Sie verläßt ihren Mann.

          Der zweiten, diesmal selbstgewählten großen Wende in ihrem Leben gehen Jahre des Konflikts zwischen Pflichtgefühl und Erkennen der Lebensbestimmung voraus. Und bis Maria Frisé wieder ein enges Verhältnis zu ihren - inzwischen erwachsenen - Söhnen aufnehmen kann, ist sie innerlich gespalten. "Ich lebte ein Doppelleben. Nur zu einem Teil fühlte ich mich allmählich in dieser für mich neuen Welt zu Hause. Die andere Hälfte war auf dem Fuchsberg bei den Kindern geblieben. Ich schrieb ihnen fast täglich . . ."

          Diese Erinnerungen sind in zweifacher Weise exemplarisch. Sie zeigen den Sturz aus der Obhut des Familienerbes und einen schmerzvollen Selbstfindungsprozeß. Abgeworfen werden die vor allem im "Dritten Reich" anerzogenen Denkschablonen; die illusionäre Theorie des Onkels Erich von Manstein in seinem Buch "Verlorene Siege", Hitlerdeutschland hätte ohne Hitlers militärischen Dilettantismus gerettet werden können, wird für Maria Frisé zur "Horrorvision". Frei vom politischen Ressentiment gewisser Vertriebenenkreise, bekennt sie sich zu jenem Geist der Verständigung zwischen den Nationen, den man als den "Geist von Kreisau" bezeichnen darf, weil er im niederschlesischen Kreisau, im Gut und - wiederaufgebauten - Schloß der von Moltkes, seinen symbolischen Ort gefunden hat. Gegen eine sich aufblähende Wirtschaftswunder-Mentalität bleibt Maria Frisé immun. Ihr - mit Heinrich Heine zu sprechen - "Entreebillett in die europäische Kultur" bezahlt sie mit einem innerfamiliären Trennungsprozeß. Eine ansteckende Vernunft durchwaltet ihre Familien- und Selbstdarstellung; und fesselnd weiß sie von ihrer journalistischen Tätigkeit im Kulturressort (zumal dieser Zeitung) zu berichten.

          Autobiographien müssen nicht den Gesetzen der Romankunst gehorchen, sie bleiben stärker der Dramaturgie des Lebens selbst verpflichtet. So erscheint oft dem Autor, um der Vollständigkeit des Erinnerten willen, manches Detail wichtiger als dem Leser. Auch in diesem Buch gibt es Momente nachlassender Intensität. Über sie aber trägt den Leser Maria Frisés Gabe des farbigen Erzählens hinweg.

          WALTER HINCK

          Maria Frisé: "Meine schlesische Familie und ich". Erinnerungen. Aufbau Verlag, Berlin 2004. 333 S., geb., 21,90 [Euro].

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