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: Verlorene Liebesmüh

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          3 Min.

          Kaum ein Leben wurde häufiger und erfolgloser beschrieben als das von William Shakespeare. Trotz unzähliger Schriften, zuletzt Stephen Greenblatts "Will in the World" aus dem Jahr 2004, weiß man kaum etwas über Shakespeares Leben. Da fragt man sich, warum ausgerechnet Bill Bryson, alles andere als ein Literaturexperte, sich jetzt in die Legendenschreiberei einreiht. In Travelogues wie "Reif für die Insel" hat sich Bill Bryson als Meister der Anekdote erwiesen. Frei nach dem Motto "Been there, done that" scheint ihm die Gegenwart langweilig geworden zu sein, denn nach "Eine kurze Geschichte von fast allem" von 2003 (auf Deutsch 2006 erschienen) widmet er nun dem englischen Großmeister ein Buch: "Shakespeare, wie ich ihn sehe".

          Ein Problem ist der Aufbau. Einerseits verfährt Bryson chronologisch, was an sich schon problematisch ist, wegen der vielen Lücken in Shakespeares Biographie. Andererseits finden sich auch thematische Überschriften wie "In London" oder "Die Stücke". Kein Kapitel hält indes, was es in der Überschrift verspricht, und ergeht sich stattdessen in zahllosen Abschweifungen, die überall stehen könnten. Brysons Stärke aber ist nun einmal die Anekdote, nicht die argumentative Stringenz. Die lose Ordnung einer von ihm bestimmten Reiseroute kommt ihm ganz offensichtlich mehr entgegen als das komplexe Phänomen William Shakespeare.

          Auch Greenblatt verwendet die Anekdote als Türöffner zur frühen Neuzeit. Sein Umgang mit Geschichte ist weit differenzierter als der Brysons - trotzdem ist der Vorwurf mangelnder historischer Informiertheit einer der wenigen, den man Bryson nicht machen kann. Brysons Versuch überzeugt, wo er die elisabethanische Bühne vor Augen führt: "Leim- und Seifensieder verarbeiteten üppige Mengen Knochen und Tierfett und verbreiteten einen widerwärtig süßen Duft, während die Gerber Leder in Fässern mit Hundeexkrementen einweichten, damit es geschmeidig wurde. Jeder, der in ein Theater ging, musste sich dieser Vielfalt an Gerüchen stellen." Außerdem blüht Bryson sichtlich auf, wenn er sich mit Shakespeares Idiolekt befasst. Begeistert konstatiert er: "Allein Hamlet beglückte das Publikum mit 600 Wörtern, die es allem Anschein nach noch nie gehört hatte." Insgesamt interessiert sich Bryson primär für das, was man über den Schwan vom Avon nicht weiß: seine sexuelle Orientierung, sein Verhältnis zu seiner Ehefrau, die Frage, wie er denn nun überhaupt ausgesehen haben mag.

          Brysons wohlinformiert onkelhafter Stil war schon immer eine Frage des Geschmacks, doch in "Shakespeare, wie ich ihn sehe" dürfte dieses Markenzeichen selbst für hartnäckige Fans unerträglich werden. Der Titel scheint zu zeigen, dass sich Bryson seiner Subjektivität bewusst ist - eine wünschenswerte Eigenschaft bei Biographen, die, wie er selbst beklagt, gerade im Falle Shakespeares gern Absolutheitsansprüche für die eigene Theorie erheben. Umso bedauerlicher ist es, dass man hier vergeblich auf Anflüge von Selbsterkenntnis wartet. Das ganze Buch über ist Bryson, in einem Gestus weiser Überlegenheit, vollauf damit beschäftigt, andere Shakespeare-Forscher für ihre aberwitzigen Thesen abzukanzeln.

          Davon abgesehen lässt der Titel eine programmatische These erwarten, aber leider fällt Bryson so gar nichts Eigenes ein. Am Ende weiß man nicht nur immer noch nicht, wie er Shakespeare sieht, sondern auch nicht, warum er dieses Buch überhaupt geschrieben hat. Bryson ist bemüht, sich das Faszinosum Shakespeare zu erschließen - doch immer wieder ertappt man ihn dabei, wie er ungläubig und kopfschüttelnd davorsteht und nicht die leiseste Ahnung hat, warum sich alle Welt für den Sohn eines Handschuhmachers begeistert. Glücklicherweise kann man genau das in Jonathan Bates "The Genius of Shakespeare" (1997) nachlesen, einem Band, der wissenschaftliche Thesen und Ansprüche mit einem hohen Grad an Lesbarkeit vereint.

          Brysons jüngste Veröffentlichung hingegen hat erhebliche Schwächen auch in der Vermittlung. Die Übersetzung ist stellenweise unnötig umständlich, und die Erklärung über den Unterschied zwischen Folio- und Quart-Format wird in eine Fußnote verbannt. Und wenn man sich seitenlang über verschiedene Shakespeare-Darstellungen auslässt, wäre es gewiss hilfreich, dem Leser das entsprechende Bildmaterial an die Hand zu geben. So aber ist es kein Wunder, wenn dieser sich nach der Lektüre von Brysons Versuch, dicke Bretter zu bohren, fühlt, als hätte er selbiges Brett vorm Kopf, das das Konterfei Shakespeares auf dem Cover ziert.

          MARGRET FETZER

          Bill Bryson: "Shakespeare, wie ich ihn sehe". Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. Goldmann Verlag, München 2008. 220 S., geb., 16,95 [Euro].

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