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: Verlorene Illusionen

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Der Zweite Weltkrieg strebt seinem Höhepunkt entgegen, und Rio de Janeiro tanzt. So ausgelassen und schön wie immer zuvor und immer danach. Es ist der Rosenmontag 1942. Es ist Karneval in Rio, und Stefan Zweig und seine Frau Lotte sitzen mit dem brasilianischen Verlegerehepaar Koogan auf einer Terrasse inmitten der Stadt und sehen dem großen Tanzen zu.

          Der Zweite Weltkrieg strebt seinem Höhepunkt entgegen, und Rio de Janeiro tanzt. So ausgelassen und schön wie immer zuvor und immer danach. Es ist der Rosenmontag 1942. Es ist Karneval in Rio, und Stefan Zweig und seine Frau Lotte sitzen mit dem brasilianischen Verlegerehepaar Koogan auf einer Terrasse inmitten der Stadt und sehen dem großen Tanzen zu. Was für ein Fest! Was für ein Glück wäre das gewesen für den Stefan Zweig von früher. Diese tanzende Stadt. Doch diesen Stefan Zweig gibt es nicht mehr. Der Karneval reißt ihn nicht mit. Er bleibt zwar noch mit seiner Frau die Nacht bei den Koogans, doch als er am nächsten Morgen in der Zeitung die Nachricht liest, daß die Japaner Singapur erobert haben, verläßt er, zusammen mit Lotte, die tanzende Stadt und fährt hinauf in die Berge, nach Petropolis, in ihr kleines Haus mit dem großen Garten, in dem sie das letzte Jahr verbracht haben, und beginnt, seine Abschiedsbriefe zu schreiben.

          Am Aschermittwoch schreibt er an Abrahao Koogan: "Mein lieber Freund, vor allem anderen habe ich Ihnen zu danken für die Güte, die Sie mir zu Lebzeiten zuteil werden ließen, und ich muß Sie um Entschuldigung bitten für alle Mühen und Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen durch meinen Tod bereite." Am Freitag fährt er wieder nach Rio und hinterlegt den Brief mit einigen wertvollen Autographen in Koogans Safe und fährt wieder hinauf. Er beendet die "Schachnovelle", legt das fertige Manuskript seiner Erinnerungen "Die Welt von gestern" zurecht, das unfertige Manuskript seines "Balzac", schreibt einige letzte Briefe, die er ausreichend frankiert. Am Samstag abend laden die Zweigs noch einmal Gäste ein. Die Feders aus der Nachbarschaft. Ernst Feder war früher Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", und zum Abschied nach einem trübsinnigen Abend sagt Stefan Zweig zu ihm: "Also entschuldigen Sie meine schwarze Leber." Am nächsten Nachmittag nehmen Stefan Zweig und seine Frau Lotte eine Überdosis Veronal und legen sich aufs Bett und sterben.

          Der letzte Band der Briefe Stefan Zweigs, der in dieser Woche erscheint, dokumentiert die letzten zehn Jahre des österreichischen Schriftstellers. Die letzten zehn Jahre seines Lebens, die eigentlich zehn Jahre des Sterbens waren. Zehn Jahre, in denen der einst so lebensfrohe, reiche Weltbestsellerautor Stefan Zweig, dem sein unglücklicher Freund Joseph Roth eine "goethesche Lebensfreude" bescheinigte, allen Lebensmut verlor. Und jede Fähigkeit, sich in Illusionen einzurichten. Mit jedem Brief kommt er der Wahrheit einen Schritt näher. Der Wahrheit, daß seine Welt für immer verloren ist, daß es die Welt von gestern, die Welt der Sicherheit, wie er sie kannte und beschrieb, nicht mehr gibt und nie mehr geben wird.

          Am Anfang, als der Naziwahnsinn begann, da konnte er sich noch prächtig belügen. Wahrscheinlich glaubte er es selbst, als der Jude Zweig am 13. Februar 1933 an seinen amerikanischen Verleger Ben Huebsch schrieb: "Die Unruhe ist groß, obwohl gar nichts eigentlich zu fürchten ist." Er selbst hätte sich die Regierung Hitler sogar ein Jahr vorher schon gewünscht, da hätten sie sich die jetzt beginnende wirtschaftliche Erholung nicht auf die Fahnen schreiben können. Gleichviel: "Aber ich nehme diese Dinge nicht sehr ernst. All das läuft sich nach einigen Jahren tot und das Publikum liest immer nur was es lesen will, nicht was von irgendeiner äußern Stelle ihm aufgedrängt wird." Und "nur zum Spaß" schicke er ihm hier eine jener "Hetznotizen" gegen ihn, "die durch die ganze nationale Presse wandert". Daß eine gewisse Stockung beim Verkauf seines letzten Buches eingetreten sei, das habe nichts damit zu tun, daß er Jude sei, nein, nein, das "betrifft die Bücher überhaupt". Zweig will das Unglück nicht sehen. Und als Goebbels in einer vielbeachteten Rede den "Juden Zweig" beschimpft, schreibt Stefan Zweig ganz aufgeregt Brief auf Brief, daß Goebbels den Juden Arnold Zweig gemeint habe. Und Joseph Roth muß ihn über das Unglück aufklären, "daß Sie überhaupt für alle Sünden der Juden büßen, nicht nur für die der Namensvettern. Ob Herr Goebbels Sie verwechselt, ist für ihn gleichgültig."

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