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: Verfolgter Kunsthistoriker

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Was für eine Figur! August Grisebach war ein deutscher Professor. Er lehrte Kunstgeschichte in Heidelberg, war in seinen Schriften methodisch und inhaltlich wenig wegweisend, persönlich jedoch höchst gebildet und integer, von gehobenen Manieren und vor allem unkorrumpierbar in seinem Denken und Handeln.

          Was für eine Figur! August Grisebach war ein deutscher Professor. Er lehrte Kunstgeschichte in Heidelberg, war in seinen Schriften methodisch und inhaltlich wenig wegweisend, persönlich jedoch höchst gebildet und integer, von gehobenen Manieren und vor allem unkorrumpierbar in seinem Denken und Handeln. Einer seiner Schüler, Hans Sahl, schrieb postum über ihn: "Er war der Aristokrat unter den Kunsthistorikern, und wer mit ihm in Berührung kam, veredelte sich, wurde ein besserer Mensch." Grisebach machte sich nicht zum ideologischen Handlanger des Nationalsozialismus und bezahlte für diese aufrechte Haltung 1937 mit Berufsverbot, da - so der zynische Vorwand - "jüdisch versippt" mit seiner zweiten Gattin, Hanna Grisebach. Das ist mehr, als man über viele Deutsche in diesen Jahren sagen kann. Dennoch überrascht es angesichts der höchstens durchschnittlichen Bedeutung Grisebachs für die Entwicklung der Kunstgeschichte, dass ihm Golo Maurer eine immerhin 248 Seiten starke Biographie gewidmet hat, die den Untertitel "Kunsthistoriker in Deutschland" trägt.

          Wer liest heute noch Grisebachs "Kunst der deutschen Stämme und Landschaften", deren Verdienst hauptsächlich darin besteht, Kunstgeographie ohne völkische Parolen zu schreiben? Wer erhofft sich noch tiefer gehende Einblicke in die Formen- und Funktionsgeschichte des Rathausbaus aus Grisebachs Dissertation zum deutsche Rathaus der Renaissance, liebevoll, aber gänzlich unwissenschaftlich, mit pittoresken Federzeichnungen seines Vetters, des Herrn cand. arch. Helmuth Grisebach illustriert? Wer möchte sich der Grisebachschen Übersteigerung eines zugespitzten Formalismus à la Wölfflin, seinem Doktorübervater, heute noch anschließen? Und schließlich: Was außer einem melancholischen Bekenntnis zum längst Vergangenen und dann in Kürze gänzlich Zerstörten und Zerbombten lässt sich aus "Die alte deutsche Stadt und ihre Stammeseigenart" ablesen?

          Maurer konzediert selbst in seiner Einleitung: "Man kommt nicht darum herum, in Grisebachs Zwangspensionierung ein zentrales Ereignis auch seines wissenschaftlichen Lebens zu sehen, ohne welches - das sei zugegeben - das Interesse an seiner Person etwas geringer ausfallen würde. Grisebach gehörte nicht zu jenen Altmeistern der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, welche ihr Fach so nachhaltig geprägt haben, dass sie selbst zum Forschungsgegenstand aufrücken." Und dennoch hat Maurer ein für die kunsthistorische Fachgeschichte wie für die Rolle der Universitäten unter dem nationalsozialistischen Regime höchst aufschlussreiches - und darüber hinaus wunderbar lesbares - Buch geschrieben.

          Im Methodenstreit

          Hoch spannend ist Maurers Rekonstruktion der familiären "Entstehungsbedingungen" der intellektuellen und im weitesten Sinne künstlerischen Prägung Grisebachs, dessen Vater als Architekt die gutbürgerlichen West-Berliner Viertel mit seinen Neorenaissancehäusern bestückte - er baute nicht nur Wilhelm Bodes Haus in der Uhlandstraße 5 und die sogenannte Villa Grisebach in der Fasanenstraße, sondern auch Gerhart Hauptmanns Haus Wiesenstein im schlesischen Agnetendorf. Das für die eigene Familie errichtete großzügige Feriendomizil in Timmendorfer Strand sollte später dem Sohn nach seiner Relegierung als Refugium dienen.

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