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Präsidenten im Oval Office : Vereinigte Sonderlinge von Amerika

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Der Herr in der Mitte gehört eigentlich nicht dazu: Woddy Allen als Zelig zwischen Calvin Coolidge (links) und Herbert Hoover. Bild: Picture-Alliance

Roland D. Gerste porträtiert die zwölf seltsamsten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Noch Lebende sind ausgeklammert.

          3 Min.

          Wie oft kann man den Medien die Erkenntnis entnehmen, der gegenwärtige amerikanische Präsident sei so ziemlich die furchtbarste Gestalt, die sich jemals im Oval Office des Weißen Hauses breit gemacht habe. Wenn man ihn mit Lichtgestalten wie George Washington oder Abraham Lincoln vergleicht, mag dies zutreffen, dennoch zeugt sie nicht gerade von einer intimen Kenntnis der amerikanischen Geschichte. Ohne mehr als beiläufig auf den aktuellen Amtsinhaber und seine Idiosynkrasien einzugehen, liefert Ronald D. Gerste auf lockere, unterhaltsame, immer angenehm lesbare Art gewissermaßen den Gegenbeweis.

          Unter Trumps Vorgängern findet sich eine ganze Reihe von in mancherlei Hinsicht höchst absonderlichen Gestalten. Wer außer Spezialisten kennt sie noch, die „bärtigen Präsidenten“ der siebziger bis neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, deren Verständnis der Präsidentschaft darin bestand, möglichst wenig zu tun? Vielleicht weiß der eine oder andere noch, dass Grover Cleveland nicht nur der einzige amerikanische Präsident war, der nach einer Wahlniederlage neuerlich gewählt wurde, sondern obendrein mitten in seiner Amtszeit eine blutjunge Schönheit ehelichte.

          Aber seine Vorgänger im Amt, Chester A. Arthur und Rutherford B. Hayes, sind bemerkenswert schwach im kollektiven Gedächtnis präsent, obwohl Hayes ein prachtvolles Beispiel für die damals schon erkennbare Anfälligkeit des amerikanischen Wahlsystems für Korruption, Wahlfälschung und andere mehr oder minder subtile illegale Machenschaften war. Immerhin wurde er nur Präsident, weil beide Parteien, nachdem sie in einträchtiger Konkurrenz die Wahlen von 1876 bis an den Rand des Erträglichen manipuliert hatten, sich dann auf den Kompromiss einigten, Hayes zum Präsidenten zu erklären, gleichzeitig aber den solide demokratischen Süden wieder den dortigen weißen Rassisten zu überlassen.

          Richard Nixon kommt nicht schlecht weg

          Dennoch, und auch das spricht für sein Buch, beschränkt der Autor sich nicht darauf, schlichte antiamerikanische Stereotypen wiederzukäuen. Für ihn steht die Person in ihrer Komplexität, mitunter auch in ihrer Tragik (oder Komik) im Vordergrund, was gelegentlich den analytischen Wert der einzelnen Charakterbilder mit Blick auf die jeweilige historische Gesamtsituation schmälert, zumal Gerste stellenweise gar zu sehr ins Anekdotische abgleitet. Dabei kommen insgesamt aber nuancierte, lebendige Miniaturen heraus, die Einblick in das Denken und Handeln der jeweiligen Präsidenten vermitteln und mehr sind als bloße enzyklopädische Lexikonartikel, die einfach etablierte Mehrheitsmeinungen widerspiegeln.

          John F. Kennedy wird mithin, durchaus im Einklang mit der neueren Forschung, recht kritisch beurteilt, während zum Beispiel Richard Nixon wider Erwarten gar nicht so übel wegkommt. Es geht Gerste indes nicht darum, den Richter und Henker zu spielen, sondern sich den Figuren erst einmal mit Verständnis zu nähern. In einem Fall aber fehlt ihm offenkundig die kritische Distanz: bei Andrew Jackson, Präsident von 1829 bis 1837.

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