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: Verdammt seien alle, die Risiko und Courage scheuen

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Thomas Hobbes hat die Angst einmal als seine einzige Passion bezeichnet. Sicher, das klingt nicht gerade nach einem Draufgänger - aber immerhin hatte der Mann überhaupt eine Leidenschaft. Im Gegensatz zum Pionier allen Sicherheitsdenkens ist Wolfgang Sofsky ein durch und durch unerschrockener Philosoph.

          Thomas Hobbes hat die Angst einmal als seine einzige Passion bezeichnet. Sicher, das klingt nicht gerade nach einem Draufgänger - aber immerhin hatte der Mann überhaupt eine Leidenschaft. Im Gegensatz zum Pionier allen Sicherheitsdenkens ist Wolfgang Sofsky ein durch und durch unerschrockener Philosoph. Seine einzige Passion ist, wenn das Wort hier überhaupt paßt, die Abgeklärtheit. "Ein moralischer Fortschritt des Gattungswesens ist nicht in Sicht": Solche Geheiminformationen steckt er dem Leser, der als mitbetroffenes Gattungswesen von Natur aus zur Panik neigt, schon im ersten Kapitel seines neuen Buchs. Und als wäre das nicht Hiobsbotschaft genug, setzt Sofsky seine eiskalte Diagnose fort: "Restlose Sicherheit ist eine Illusion. Zeit ihres Lebens sind Menschen von Gefahren umstellt. Kaum ein Verhalten ist gänzlich ohne Risiko."

          Weise Worte - doch Wolfgang Sofsky, vormals Soziologieprofessor an der Universität Göttingen und seit geraumer Zeit der für düstere Anthropologie zuständige Publizist, will uns keine Versicherungsverträge aufschwatzen. In seinem Buch "Das Prinzip Sicherheit" rechnet er vielmehr ab mit einer Gesellschaft der Angsthasen und Feiglinge. "Die Mehrzahl", so formuliert es Sofsky im hochtrabenden Tonfall des Kulturpessimisten, "wünscht sich eine Gesellschaft der bloßen Sekurität." An anderer Stelle - es geht, wohlgemerkt, um Demokratie - wird er deutlicher: "Von einem Mehrheitsregime, das von den Leidenschaften der Sicherheit beseelt ist, hat die Freiheit nichts zu erwarten."

          Verblüffend, daß die von Kriegen, Katastrophen und sozialem Notstand eingeschüchterte Mehrzahl plötzlich die Geringschätzung des unterzähligen Privatgelehrten auf sich zieht. Schließlich beliefert Sofsky die lesende Bevölkerung seit Jahr und Tag mit Büchern, die schlimmste Befürchtungen wecken. In seinen Denkschriften, die eine vermeintlich abgründige Menschenkunde zelebrieren und rabenschwarze Titel wie "Die Ordnung des Terrors", "Traktat über die Gewalt" oder "Zeiten des Schreckens" tragen, malt Sofsky an einem Schauergemälde der menschlichen Verhältnisse. Allerdings handelte der Sachbuchautor in seinen bisherigen Werken immer auch von Sachthemen wie dem Konzentrationslager, dem Amoklauf oder dem Krieg im Irak. Sein neues Werk, betitelt in billiger Anspielung auf Blochs "Prinzip Hoffnung", kommt ganz ohne Gegenstand aus.

          Man muß sich möglichst viele Sätze aus diesem Traktat auf der Zunge zergehen lassen, um seine erlesene Inhaltslosigkeit zu schmecken. "Wo keine Gefahren sind, gibt es auch keine Risiken": Pauschalaussagen dieser Art sieht die Stillehre üblicherweise für Anfang und Ende einer Abhandlung vor, wo sie das Denken vorglühen oder eben auskühlen lassen. Sofsky aber bastelt aus solchen Gemeinplätzen, von früheren Epochen in Toposbüchlein für den Hausgebrauch versammelt, eine ganze Programmschrift. Während man anfangs noch rätselt, wann der feierliche Tonfall des Prologs endlich in eine konkrete Argumentation mündet, ahnt man spätestens ab der Buchmitte, daß man sich längst auf der Zielgeraden zum Epilog befindet.

          Tatsächlich hat Wolfgang Sofsky ein Buch geschrieben, daß nur aus ersten oder wahlweise auch letzten Sätzen besteht. "Wäre die Zukunft bekannt, gäbe es weder Risiken noch Entscheidungen." Wie wahr! "Unglück stürzt den Menschen in Ratlosigkeit." Wer wollte widersprechen? "Angst steigert die Unsicherheit, und Unsicherheit erzeugt Angst": Mit solchen tautologischen Floskeln ahmt Sofsky offenbar den vertrackt einfachen Stil eines Niklas Luhmann nach. Doch der dreht sich bei Platitüden à la "Unfälle geschehen zufällig" vermutlich nur im Grabe um. "Nicht jeder ist vertrauenswürdig": Im Geiste scheint Sofsky seine Sentenzen in Stein zu meißeln. Aber für dergleichen Kalendersprüche hätte man selbst in jenen Zeiten, aus denen der wahre Lapidarstil stammt, keinen Marmor verschwendet.

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