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: Vater der Klamotten

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Der Taschen-Verlag hat sich ein Projekt geleistet, das zugleich quer zur und stromlinienförmig in der Zeit liegt. Auf mehr als 600 Seiten gibt er sämtliche Bildtafeln der 1893 abgeschlossenen "Vollständigen Kostümgeschichte" des Franzosen Auguste Racinet neu heraus. Der Text allerdings wurde auf ...

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          Der Taschen-Verlag hat sich ein Projekt geleistet, das zugleich quer zur und stromlinienförmig in der Zeit liegt. Auf mehr als 600 Seiten gibt er sämtliche Bildtafeln der 1893 abgeschlossenen "Vollständigen Kostümgeschichte" des Franzosen Auguste Racinet neu heraus. Der Text allerdings wurde auf weniger als ein Zehntel gekürzt - eine für unseren bildverliebten Zeitgeist symptomatische Entscheidung.

          Eine unendliche Maskenprozession zieht am Betrachter vorbei, von zotteligen Teutonen über Römer, Griechinnen und Hottentotten im Pantherfell bis zu den raffiniertesten Geisha-Wickelungen, Renaissance-Faltenspielen, Ordensrüstungen und schwankenden Kopfaufbauten im Stile Marie Antoinettes. Naiv ist nicht nur die Schaulust, die sich am Fremden ergötzt, naiv sind auch die Figuren selbst, die sich prall oder porzellangleich ziseliert mit puppenhafter Festigkeit präsentieren. Auf den ersten Blick geht die Rechnung auf: Hier staunt die Menschenwelt sich selber an, jeder steht im großen Amphitheater der Historie auf seinem Platz und wartet geduldig ab, daß der Drehbühnenmechanismus ihn ins Licht rückt.

          Bei näherem Hinsehen hingegen zeigt sich die hierarchische Struktur. Auf das erste, dem Altertum gewidmeten Kapitel folgt die Welt des neunzehnten Jahrhunderts jenseits der europäischen Grenzen von den "Kopfabschneidern" in Borneo bis zu den Kaffern, die durch Einkerbungen auf dem Oberschenkel ihre toten Feinde zählen. Ganz gleich, ob ein bloßer Lendenschurz oder vielschichtig komponierte Samuraigewänder die Studienobjekte schmücken: die europäische Perspektive rückt sie an die Peripherie des Blicks - sie sind eine Version des Altertums in räumlicher Distanz.

          Das dritte Kapitel behandelt das christliche Europa bis an die Schwelle zum neunzehnten Jahrhundert. Zeitgenössische Pariser Moden sucht man vergebens. Gelbe Wertherhosen und die transparenten Musselinkleider des Konsulats sind die jüngsten Exponate aus der Hauptstadt der Mode und des neunzehnten Jahrhunderts. Und doch ist sie das ausgesparte Zentrum der Betrachtung.

          Rund um Paris gruppiert sich der historistische Reigen. Dort hat Racinet seit vierzig Jahren die Schätze der Nationalbibliothek nach Illustrationen durchstöbert, dort profilieren sich Autoren wie Baudelaire, Mallarmé, Balzac und die Brüder Goncourt als Modekritiker; Weltausstellungen, kulturgeschichtliche Museen und ethnologische Schauen öffnen ihre Tore; das Großbürgertum beauftragt Künstler damit, seine Vorfahren in historischen Kostümen darzustellen, trägt sie selbst auf Maskenbällen und läßt sich für seine Interieurs mal von der flämischen Malerei und mal vom dekadenten Prunk des kaiserlichen China inspirieren.

          Racinets Epoche ist sentimental und eklektisch. Sie hat den Menschen als Erkenntnisgegenstand entdeckt und darüber ihre vestimentäre Unschuld verloren. Es ist der richtige Moment, um eine Summe zu ziehen. Was modisch noch folgt, wird nur ein Zitat sein. In Racinets Kommentaren schwingt Bedauern darüber mit, daß die Vielfalt ausstirbt. So hebt er die Oberalbanier als ein Volk hervor, das seine kulturelle Identität angesichts "türkischer Nachbarn und der Ausbreitung des Islam" bewahrte. Bewundernd schildert er das Tapisseriekleid einer Bauersfrau "aus neunundzwanzig Einzelteilen" und glaubt den Ursprung für solche Mannigfaltigkeit "in der Kunst der alten asiatischen Kulturen" zu entdecken.

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