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Essaysammlung „Ferienmüde“ : Leerlauf in der Wunschmaschine Urlaub

Ist Erholung ein leeres Versprechen? Urlauber am Strand der Adria. Bild: AFP

Der Tourist muss ein Versprechen einlösen, das andere ihm gaben: Valentin Groebner sammelt Gründe, warum solche Anstrengung obsolet werden könnte.

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          So könnte es gewesen sein: ein Professor für Geschichte an der Universität Luzern hält einen Vortrag über Reisefotografie von ihren Anfängen im neunzehnten Jahrhundert bis zur Erfindung des Smart Phones und der damit einhergehenden Verbreitung von Handybildern in den sozialen Netzwerken sowie darüber, was diese Bilder mit uns anstellen. Er schreibt einen Essay zur Geschichte des Overtourism mit Beispielen auch jener Gesellschaftskritiker und Ästheten, denen nicht erst in den Zeiten des Massentourismus die Plätze von Venedig und die Aussichtspunkte in den Alpen zu voll sind, sondern es schon vor hundertfünfzig Jahren waren.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Und dann fragte er sich auch noch selbst für eine Radiosendung, ob es sich beim Urlaub nicht genaugenommen um Selbstbetrug handele und nicht einfach einmal alle Menschen einen Sommer lang zu Hause bleiben sollten. Das war ein großer Auftritt, ausgestrahlt am 23. Dezember 2019 im Südwestdeutschen Rundfunk, im Rückblick geradezu prophetisch. Denn keine zwei Monate später schlichen sich die Corona-Viren heran, und was in den achtziger Jahren als Nato-Strategie erdacht wurde, nämlich dass sich im großen militärischen Ernstfall niemand von der Stelle rühren solle, wurde plötzlich aus medizinischen Gründen Wirklichkeit.

          Fremdenverkehr als Superreplikator

          Nun, ganz so war es nicht, wie das Kleingedruckte am Ende des schmalen Büchleins zur Herkunft der Texte verrät, aber doch sehr ähnlich. Plötzlich jedenfalls setzten sich mit dem Einbruch der Pandemie in den Alltag, dem Lockdown und erheblichen Reisebeschränkungen all die Gedanken, die Valentin Groebner sich im Laufe der vergangenen Jahre über Urlaub und Fremdenverkehr gemacht und in Aufsätzen untergebracht hat, wie die Teile eines Puzzles zusammen zu einem Bild, dem nur eines noch fehlte: die Verpackung – ein Boden und ein Deckel, hier Vorwort und Nachwort. Die hat Groebner brandaktuell hinzugefügt. Ein wenig analytisch. Ein wenig emotional. Und insgesamt sehr optimistisch, was den eigenen Umgang mit der Situation und ihre Auswirkung auf künftiges Denken und Handeln angeht. Programmatisch überschreibt Valentin Groebner das letzte Kapitel mit „Entlassung aus der Pflicht“.

          Valentin Groebner: „Ferienmüde“. Als das Reisen nicht mehr geholfen hat. Konstanz University Press / Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 152 S., Abb., geb., 18,– .
          Valentin Groebner: „Ferienmüde“. Als das Reisen nicht mehr geholfen hat. Konstanz University Press / Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 152 S., Abb., geb., 18,– . : Bild: Wallstein Verlag

          Urlaub ist für ihn das Produkt einer Industrie, die allein im vorigen Jahr anderthalb Billionen Dollar damit umgesetzt hat, dass sie 1,4 Milliarden Menschen kreuz und quer über den Globus bewegte. Dabei unterstellt er den Urlaubern keinen geringen Mangel an Selbstverantwortung, wenn er den Fremdenverkehr als Superreplikator bezeichnet, der das Bedürfnis überhaupt erst schaffe, das er anschließend zu erfüllen vorgibt. Denn sogleich setzt Groebner noch eines obendrauf mit der Behauptung, dass es im unbedingten Interesse der Industrie sei, dass Urlaub zu einer gewissen Unzufriedenheit führte, gegen die nur noch mehr Reisen helfen würden. Den Satz freilich dürfte schon mehr als einer nach seiner Heimkehr aus den Ferien gesagt haben: Jetzt bin ich reif für Urlaub. In Frankreich, erfährt man bei Groebner, gebe es nach der kollektiven Rückkehr der Urlauber Anfang September in den Supermärkten traditionell attraktive Sonderangebote für Alkoholika.

          Valentin Groebner versucht sich nun in einer Bilanz, worum es beim touristischen Aufbruch eigentlich geht und ging, ob er jemals in die Freiheit führte, die er verspricht oder viele sich versprechen, und ob die Tourismuswirtschaft nicht vielmehr Fiktionen verkaufe. Fiktionen, die immerhin so gut funktionierten, wie er schreibt, dass 2017 bei einer Umfrage in der Schweiz achtzehn Prozent auf die Frage, was sie besonders intensiv mit Heimat verbinden, antworteten: den Meeresstrand.

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